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Ein Stück zurück: Uwe Brunn
04.09.11
Mit der Reihe "Ein Stück zurück" erinnert das Stadionmagazin "DRIN!" seit einem Jahr an Ballkünstler vergangener Tage, aber auch an Fußballgrößen, die in der jüngeren Vereinsgeschichte für Furore sorgten. Einige Beiträge werden in loser Folge auch auf vfl.de veröffentlicht: Heute das Porträt von Kulttorwart Uwe Brunn.

Vor ziemlich genau 20 Jahren unterschrieb er einen Vertrag beim VfL Osnabrück und avancierte in 357 Spielen zum großen Rückhalt der Lila-Weißen. Die „DRIN!“-Redaktion traf Uwe Brunn in seinem Büro an der Iburger Straße und stellte fest: Auch eine Versicherungsagentur kann Fußballgeschichte erzählen.
Ein Spiel, das es nie gab …
An den Bürowänden hängen: Eine Ehrenurkunde der VfL-Jahrhundertelf, Erinnerungen an das Abschiedsspiel vom 10. Oktober 2003 und das Mannschaftsfoto der U20-Nationalelf, die 1987 Vizeweltmeister in Chile wurde. Daneben sieht man eine Doppelseite aus dem Panini-Heft der Saison 88/89 mit den Spielern von Borussia Mönchengladbach, und dann ist da noch ein Poster aus dem „Jugend-Kicker“. Es trägt den Titel „Die Torwart-Asse des 1. FC Köln“ und zeigt Uwe Brunn (U18) neben Bodo Illgner (U21) und Harald Schumacher (A-Nationalmannschaft). Ein unscheinbares Plakat ist das kurioseste Exponat in diesem kleinen Fußballmuseum. Es kündigt für den 30. Mai 1999, Punkt 18.00 Uhr, ein Relegationsspiel zwischen dem VfB Lübeck und dem Chemnitzer FC an. Diese Partie hat nie stattgefunden, doch für die optimistische Terminplanung der Grün-Weißen gab es gute Gründe. Schließlich hatte man am 33. Spieltag den ärgsten Rivalen aus Osnabrück besiegt, weil dem sonst so verlässlichen Schlussmann der Gäste ein Schuss von Dirk Bremser aus 25 Metern durch die berühmten Hosenträger gerutscht war. „Eine absolute Katastrophe“, seufzt Brunn noch heute. „Ich hatte nie Probleme offen mit Fehlern umzugehen, aber wenn die Meisterschaft dadurch verloren gegangen wäre. Ganz ehrlich: Ich hätte meinen Vertrag aufgelöst!“ Doch so weit kam es nicht. Am letzten und alles entscheidenden Spieltag hielt Brunn seinen Kasten sauber. Der VfL gewann 1:0 gegen Arminia Hannover, und der Tabellenführer unterlag Holstein Kiel mit 1:2.
… und eins, das man nie vergisst
Nun durfte also der VfL gegen Chemnitz antreten, scheiterte aber in den Relegationsspielen und auch in der anschließenden Aufstiegsrunde. Nur ein Jahr später nahmen die Lila-Weißen einen neuen Anlauf, der im spektakulärsten Spiel der Vereinsgeschichte gipfelte. Am 1. Juni 2000 hatten Union Berlin und der VfL Osnabrück gegen 23.00 Uhr alle Trümpfe ausgereizt. 90 Minuten an der Alten Försterei (1:1), 120 Minuten an der Bremer Brücke (1:1) und 18 Elfmeter schießende Feldspieler (7:7) brachten keine Entscheidung im Duell um den ersehnten Aufstieg. Da Schiedsrichter Jürgen Aust den Berliner Daniel Ernemann und Matthias Rose bereits des Feldes verwiesen hatte, hielt er sich an die letzten beiden Akteure, die noch als mögliche Schützen infrage kamen. „Ich bin Torhüter. Ich kann nicht schießen.“ Uwe Brunns eigenwilliger Versuch, den Unparteiischen umzustimmen, empfahl sich mühelos für das Lexikon der schönsten Fußballer-Zitate, doch es half alles nichts: „Ich kann mich heute nur noch an Bruchstücke erinnern, weiß aber, dass ich angelaufen bin und der Ball dann irgendwie über die Linie rollte. Schön sah das nicht aus“, lacht Brunn, aber das interessierte ihn an diesem Abend ebenso wenig wie die zahllosen Fans, die das Nervenspiel im Stadion oder an den Bildschirmen verfolgten. Als Uwe Brunn auch noch den Strafstoß seines Torwartkollegen Kay Wehner parierte, brachen alle Dämme. Der VfL stieg nach sieben langen Jahren wieder in die 2. Bundesliga auf.
Berlin, Köln, Mönchengladbach
Uwe Brunn wurde am 20. November 1967 in Berlin geboren. Sein erster Verein war Südwest Berlin, wo er sporadisch auch als Feldspieler eingesetzt wurde. „Zu viel laufen, war aber nicht gut für mich“, schmunzelt Brunn, der viele Mannschaftskollegen schon als Kind um einige Haupteslängen überragte und sich deshalb schnell zwischen den Pfosten wiederfand. 1981 wechselte er zum BFC Preußen, gewann die Berliner Meisterschaft und wurde in Auswahlmannschaften auf Landes- und Bundesebene berufen. Der damalige HSV-Jugendcheftrainer Gerd-Volker Schock wollte ihn zum Hamburger SV lotsen, doch Brunn entschied sich für den 1. FC Köln, spielte in der U-18-Nationalmannschaft und beendete nebenbei seine Ausbildung zum Bankkaufmann. 1988 ging es weiter nach Mönchengladbach. Brunn kam zu sechs Bundesligaeinsätzen, doch nicht an der Nr.1 vorbei. „Die Leute riefen zwar immer ´Uwe, Uwe´, aber die meinten nicht mich, sondern Uwe Kamps!“ Gladbachs damaliger Torwarttrainer Uli Sude, der mit VfL-Coach Rolf Grünther die Ausbildung zum Fußballlehrer absolviert hatte, eröffnete dem reaktionsschnellen 1,95 m-Mann, der endlich regelmäßig spielen wollte, eine neue Perspektive. Zum 1. Juli 1991 unterschrieb er einen Vertrag beim VfL Osnabrück.
357 Einsätze, ein perfektes Spiel und das jähe Ende
„Der Anfang war schwierig, vor allem 92/93 gab es immer wieder Ärger mit dem Trainerteam. Ich war aber auch ganz schön aufmüpfig und wollte nie klein beigeben“, bilanziert Brunn die Startphase bei den Lila-Weißen. „Doch die zehn Jahre, die dann folgten, waren ein Traum – meine schönste Zeit als Fußballer, auch wenn wir hin und wieder Rückschläge wegstecken mussten.“ Am 8. Spieltag der Saison 98/99 erlebte der Keeper sein „perfektes Spiel“. „Wir haben 2:0 gegen Holstein Kiel gewonnen, und irgendwann merkte ich: ´Heute bist du unüberwindbar!´ Das kann man schwer erklären, aber es war großartig. Einwürfe, Ecken, Weitschüsse, Freistöße, Strafraumszenen – es konnte nichts passieren, ich kam immer an den Ball. Leider gibt es solche Tage nicht allzu häufig.“
Immerhin: gute und sehr gute Tage erlebten die VfLer reichlich mit ihrem unerschrockenen Schlussmann, der sich in vielen umkämpften Partien als Fels in der Brandung erwies. Wenn die Fans jetzt „Uwe, Uwe“ riefen, meinten sie nicht mehr den Kollegen Kamps. Am 12. April 2003 wurde der Publikumsliebling folgerichtig Rekordspieler des VfL Osnabrück. 356 Einsätze für die Lila-Weißen – das schaffte vor ihm kein einziger und nach ihm lediglich Joe Enochs. Doch den Ehrungen und Feierlichkeiten folgte ein jähes Ende. Nur eine Woche später zog sich Uwe Brunn im Spiel gegen Dynamo Dresden nach einer rüden Attacke von Abdelaziz Ahanfouf einen Kreuzbandriss zu. Die Verletzung hatte schwerwiegende Folgen: Brunn musste seine aktive Laufbahn beenden. Als eine Weiterbeschäftigung im Verein nicht zustande kam, bat er selbst um die Auflösung seines noch laufenden Vertrages.
Neue Aufgaben
Von 1987 bis 94 war Uwe Brunn Vollprofi, doch dann stellte er bereits die Weichen für eine Karriere nach der Karriere. Zehn Jahre lang arbeitete er 25 Stunden pro Woche in der Sparkassen-Filiale nahe der Bremer Brücke, dann absolvierte er eine Weiterbildung zum Versicherungsfachmann. 2004 wurde er selbständiger Handelsvertreter der VGH, doch das runde Leder ließ ihm keine Ruhe. Der Ausnahmekeeper wechselte an die Seitenlinie, trainierte TuS Haste und Blau-Weißen Merzen, ehe er 2009 zum fünftklassigen BSV Rehden wechselte. Brunn rettete den Verein zunächst vor dem Abstieg und belegte mit seinem Team in den beiden folgenden Spielzeiten die Plätze 3 und 8. Seit Saisonbeginn ist er nun Torwarttrainer des ambitionierten Regionalligisten Sportfreunde Lotte. „Die Aufgabe in Rehden hat mir viel Spaß gemacht, aber man muss auch realistisch sein: Täglich über die Landstraße zum Training und dann mit dem Bus zu den Auswärtsspielen – das ließ sich mit Beruf und Familie nicht mehr gut vereinbaren.“ Durch das Engagement in Lotte ist der 43-jährige, der mit seiner Frau und zwei Töchtern an der Illoshöhe wohnt, allein räumlich wieder ein Stück näher an „seinen“ Verein herangerückt. Gibt es irgendwann vielleicht doch ein Comeback bei den Lila-Weißen? „Sicher nicht im Tor und auch nicht auf der Trainerbank“, sagt Uwe Brunn. „Aber wer weiß? Es gibt ja noch einige andere Möglichkeiten. Momentan stellt sich die Frage nicht, aber der VfL wird für mich natürlich immer ein Thema bleiben!“
Von: Thorsten Stegemann
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