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Ein Stück zurück: Walter Wiethe
26.07.11
Mit der Reihe "Ein Stück zurück" erinnert das Stadionmagazin "DRIN!" seit einem Jahr an Ballartisten längst vergangener Tage, aber auch an Fußballgrößen, die in der jüngeren Vereinsgeschichte für Furore sorgten. Einige Beiträge werden in loser Folge auch auf vfl.de veröffentlicht: Heute das Porträt von Walter Wiethe.

Nachdem Walter Wiethe von 1972 bis 74 für den damaligen Regionalligisten SV Meppen gespielt hatte, wurde er Spielertrainer bei Blau-Weiß Hollage und heuerte anschließend beim VfR Voxtrup an. Eintracht Osnabrück war dann die letzte Station seiner langen Karriere. "Alles außer Torwart" hieß der Einsatzplan im fortgeschrittenen Alter, bevor er seine Fußballschuhe mit 44 Jahren endgültig an den Nagel hängte.
Mit dem Kinderfahrrad zum VfL
Walter Wiethe wurde am 3. März 1940 im schlesischen Arnsdorf geboren. Nach Krieg und Vertreibung fand sich die Familie in Lotte wieder, wo der fußballbegeisterte Junge zunächst die umliegenden Höfe unsicher machte. "Ich war ein echter Wald-, Wiesen- und Straßenfußballer", erzählt Wiethe. "Einen Verein gab es in Lotte nicht, und so haben wir gebolzt, wo es eben ging. Am liebsten auf Bauernhöfen gegen Scheunentore oder Drahtzäune. Die waren hinterher alle kaputt." Dass der 11-jährige beim VfL Osnabrück vorstellig wurde, verdankten die Lila-Weißen dem Verein in Hasbergen-Gaste, der Walters Frage nach den Trainingszeiten aus bis heute unerfindlichen Gründen nicht beantwortete. Also schwang er sich auf sein Kinderfahrrad, holte in Osnabrück die Aufnahmepapiere ab, ließ sie von der Mutter unterschreiben und war plötzlich VfLer. Er durchlief sämtliche Jugendmannschaften, schaffte nach einem kurzen Anlauf den Sprung in die starke 1. Amateurmannschaft und erregte schließlich die Aufmerksamkeit von Cheftrainer Hellmut Meidt, der in einer prekären Lage dringend nach Alternativen suchte. Die Qualifikation für die Bundesliga, die 1963 den Spielbetrieb aufnehmen sollte, war durch die Mittelfeldqualifizierungen des VfL stark gefährdet.
1,68 Meter - mit Stollen!
Meidt holte Karl-Heinz-Schelp, Dieter Willmann und Manfred Deters aus dem Amateurteam in die 1. Mannschaft, und um den jungen Walter Wiethe, der von Eintracht Nordhorn umworben wurde, kümmerte sich der Präsident persönlich. "Was willst du in Nordhorn?", knurrte Friedel Schwarze. "Nächstes Jahr hört Theo Schönhöft auf, dann spielt du Linksaußen." In den frühen 60er Jahren funktionierten Vertragsgespräche eben noch ohne Berater und Rechtsanwälte. Wiethe spielte Linksaußen, erzielte in den ersten drei Spielen jeweils ein Tor, und auch wenn es nicht zur Qualifikation für die Bundesliga reichte, avancierte er bald zum Publikumsliebling an der Bremer Brücke. Der 1,68 Meter ("mit Stollen!") große Stürmer, dem kein Weg zu weit und kein Zweikampf zu anstrengend war, riss die VfL-Fans immer wieder zu Jubelstürmen hin. "Ich war wirklich kein großer Techniker", gibt Wiethe offen zu. "Aber von alleine habe ich nie aufgehört zu laufen." Mittlerweile hat er 15 Kilo vom damaligen "Kampfgewicht" verloren, doch vor knapp 50 Jahren begeisterte sich sogar Deutschlands größte Boulevardzeitung für zwei besonders muskulöse Körperteile des Osnabrückers. "In jedem Spielbericht stand ´der bullige Wiethe´, und immer ging es um meine Oberschenkel."
Diese hatten tatsächlich Format, wie zahlreiche Fotos beweisen, aber das galt für den ganzen Spielertyp, der in 233 Punktspielen für die Lila-Weißen 49 Treffer erzielte und auch noch torgefährlich blieb, als er in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum Verteidiger umgeschult wurde. Trotzdem hat Walter Wiethe nicht nur positive Erinnerungen an die 60er Jahre. "Ich hatte immer mal wieder mit Verletzungen zu kämpfen, sonst hätte ich bestimmt noch viel mehr Spiele für den VfL bestritten. Außerdem steckten wir einige Jahre im Mittelfeld fest, der Verein hatte kaum finanziellen Spielraum und manchmal waren nur 1.000 oder 2.000 Zuschauer an der Bremer Brücke." Trainer kamen und gingen, darunter auch solche, die taktische Anweisungen auf den Satz "Du weißt ja, was du zu tun hast!" beschränkten.
Das größte Spiel
Doch ab 1968 ging es steil berauf. Dreimal in Folge feierte der VfL Osnabrück die Meisterschaft in der Regionalliga Nord und qualifizierte sich - wie auch in den beiden folgenden Jahren - für die Aufstiegsrunden zur Bundesliga. 69/70, 70/71, 71/72, und 72/73 scheiterten die Lila-Weißen deutlich, doch 68/69 stand die Tür zu Deutschlands höchster Spielklasse weit offen. Am 8. Juni 1969 empfing der VfL vor über 30.000 Zuschauern den Topfavoriten Rot-Weiß Essen, der nach einem Fehler von Torwart Burose bereits in der 4. Minute mit 1:0 führte. Fünf Minuten später erhöhte Willi "Ente" Lippens auf 2:0 und nach dem Seitenwechsel fiel auch noch das 3:0 für die Gäste, deren 7.000 mitgereiste Fans sich bereits auf der Siegerstraße wähnten. Doch dann drehte der VfL das Blatt. Günter Müller und Carsten Baumann (69./81.) sorgten für die Anschlusstreffer, ehe Baumann in der 89. Minute eine Vorlage von Walter Wiethe zum 3:3 verwertete. "Das hatte uns doch keiner mehr zugetraut, und dann war wirklich die Hölle los. So ein Spiel habe ich nie wieder erlebt", schwärmt der Flankengeber noch heute. Die Rot-Weißen hatten nach dem 3:1 im Rückspiel am Ende trotzdem die Nase vorn. Der VfL wurde Zweiter der Aufstiegsrunde und ließ den Karlsruher SC, Tasmania Berlin und TuS Neuendorf hinter sich.
Voll berufstätig
Zur Saison 1971/72 nahm Erwin "Ata" Türk an der Seitenlinie Platz. Der neue Trainer gab seinem ehemaligen Mannschaftskollegen keine großen Einsatzchancen, so dass sich Wiethe reamateurisieren ließ und wieder für die VfL-Reserve antrat, bis das Angebot vom SV Meppen eintraf. 1971 übernahm er ein Tabakwaren- und Zeitschriftengeschäft in der Seminarstraße, das er bis 1997 führte. Zuvor hatte der gelernte Werkzeugmacher, der bereits mit 13 Jahren in die Lehre ging, auch als Feinmechaniker und Möbelverkäufer gearbeitet. "Wir haben professionell gespielt, aber natürlich mussten wir nebenbei einem Beruf nachgehen", erzählt Wiethe. Mit Grundgehalt und Prämien seien erst 320 und dann maximal 600 Deutsche Mark drin gewesen, nur in den Meisterjahren habe es weitere Erfolgszulagen gegeben. "Wenn ich den heutigen Spielern erzählen sollte, was wir damals verdient haben, würden die sich vermutlich wundern, dass wir überhaupt aufgelaufen sind“, grinst Wiethe. "Damals war das völlig normal, was nicht heißen soll, dass wir nicht gern mehr bekommen hätten."
Tradition verpflichtet
Heute ist der passionierte Hobbygärtner und -bastler nur noch gelegentlich zu Gast in der osnatel ARENA, freut sich aber über jedes Treffen mit den alten Kollegen und vor allem darüber, dass der Verein die Spieler vergangener Zeiten wieder schätzen gelernt hat. "Dr. Rasch und Lothar Gans haben dabei eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Der VfL hat sich ja auch vorher gern als Traditionsverein präsentiert, aber wenig getan, um diese Rolle mit Leben zu erfüllen."
Von: Thorsten Stegemann
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