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Im Blickpunkt: SV Wehen Wiesbaden
20.01.12
In der ersten Saisonhälfte blieben beide Teams deutlich hinter den Erwartungen zurück. Doch in der eng gestaffelten 3. Liga ist weiterhin alles möglich. Am Samstag (Anstoß: 14.00 Uhr) treffen in der osnatel ARENA zwei Mannschaften aufeinander, die es noch einmal wissen wollen.

Zweiter Anlauf
Vor Saisonbeginn konnten nahezu alle Cheftrainer der 3. Liga die obligatorische Frage nach den Aufstiegsfavoriten wenigstens in einem Fall schnell beantworten. 18 von 20 Übungsleitern votierten in einer Umfrage von www.dfb.de für Wehen Wiesbaden - und das aus gutem Grund. Schließlich hatte der Tabellenvierte der Vorsaison mit namhaften Neuverpflichtungen wie Aziz Bouhaddouz (FSV Frankfurt), Marco Christ (Düsseldorf), Nico Herzig (Aachen), Pascal Bieler (Nürnberg) oder Steffen Wohlfarth (Bayern München II) für Aufsehen gesorgt, ein Testspiel gegen den Zweitligisten Ingolstadt mit 6:1 gewonnen und in Person von Geschäftsführer Wolfgang Gräf explizit darauf hingewiesen, »dass man diese 3. Liga auf Dauer wirtschaftlich nicht überleben kann.« Cheftrainer Gino Lettieri, der im Februar 2010 von der SpVgg Weiden zum SVWW wechselte, ließ sich von den Vorschusslorbeeren allerdings nicht beeindrucken. »Nach Rang vier in der Vorsaison wollen wir in dieser Spielzeit den nächsten Schritt in unserer Entwicklung machen«, erklärte der Fußballlehrer im Sommer. »Der Verein will innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre einen Aufstieg realisieren. Darauf arbeiten wir hin.« Der 16. Tabellenplatz, auf dem Wehen Wiesbaden nach der Absage des Spiels gegen Werder Bremen II »überwintern« musste, war gleichwohl denkbar weit von den Ansprüchen der Hessen entfernt.
»Die Gründe für die verkorkste Hinserie sind vielschichtig. Der SVWW hatte zu viele Spieler verpflichtet, die mit ihrer eigenen (Vor-)Geschichte beschäftigt waren und damit fast das ganze Halbjahr zu kämpfen hatten. Alsbald kamen Verletzungen, Sperren und darüber hinaus private Schicksalsschläge hinzu. Nicht zu vergessen die schwachen Leistungen. Eine schwer verdaubare Melange«, meinte das »Wiesbadener Tagblatt« - unter anderem mit Blick auf Innenverteidiger Thomas Barg, der sich nach seinem Achillessehnenriss gleich mehrfach operieren lassen musste.
Doch die Chance, in höhere Regionen vorzustoßen, ist noch längst nicht verloren, und so begann das Team von Gino Lettieri gleich am 2. Januar mit den Vorbereitungen für die ersehnte Aufholjagd. Nach einem Testspiel gegen die Sportfreunde Lotte (3:2), die anschließend auch auf den VfL Osnabrück trafen, wurde in der Türkei ein Trainingslager aufgeschlagen. Hier traf Wehen Wiesbaden auf den kasachischen Vertreter Ordabasy Shymkent (6:1) und den aktuellen Tabellenführer der niederländischen Eredivisie AZ Alkmaar (1:3). In der Winterpause trennte sich Stürmer Marco Sailer von Wehen Wiesbaden, um in Heidenheim eine neue Herausforderung zu suchen. Auch Mittelfeldspieler Martin Abraham verließ den Verein – mit unbekanntem Ziel. Dafür verpflichteten die Verantwortlichen Leandro Guaita, der zuletzt beim ecuadorianischen Erstligisten Independiente JT Quito spielte, als Alternative für die rechte Außenbahn.
Jede Menge Erfahrung
Der Kader des SV Wehen Wiesbaden gehört zu den routiniertesten der Liga, auch wenn mit Sven Schimmel und Benjamin Hübner zwei 21-jährige zu insgesamt 35 Einsätzen kamen. Die anderen Stammkräfte sind älter und erfahrener - wie etwa Torwart Michael Gurski, dem 2006 mit Koblenz der Sprung in die 2. Bundesliga gelang. Zwei Jahre später wechselte der gebürtige Tübinger zum SV Sandhausen, ehe er 2010 beim SVWW anheuerte. Der 32-jährige kam als einziger Wehener in allen 20 Partien dieser Saison zum Einsatz und bewahrte sein Team mehrfach vor bösen Überraschungen. Wenn Gurski gesund und in Form bleibt, könnte er gegen Ende der Saison sein 200. Spiel in einer der dritthöchsten deutschen Ligen feiern. Vor dem Stammkeeper agiert mit Pascal Bieler eine der interessantesten Neuverpflichtungen der Hessen. Der 25-jährige Defensivspezialist wurde in Berlin geboren, stand früh im Bundesligakader von Hertha BSC, wurde dann aber an den damaligen Zweitligisten Rot-Weiß Essen ausgeliehen. Nach seiner Rückkehr kam der zweikampfstarke Junioren-Nationalspieler zu sechs Bundesligaeinsätzen und entschied sich am Ende der Saison 2007/08 für einen Wechsel zum 1. FC Nürnberg. Drei Jahre lang versuchte Bieler, sich bei den Franken durchzusetzen, stieg mit Nürnberg in die Bundesliga auf, doch die Chemie stimmte nicht. In den letzten beiden Spielzeiten kam er auf magere acht Einsätze - für Wehen Wiesbaden hat Pascal Bieler bereits doppelt so viele absolviert. Den Abstieg der Bayern-Youngster konnte Steffen Wohlfarth nicht verhindern, doch mit sechs Treffern in 19 Spielen tat er einiges für den Verbleib des Rekordmeister-Nachwuchses in der 3. Liga. Seit Saisonbeginn trägt der 28-Jährige, der von 2006 bis Ende 2010 in Ingolstadt spielte und mit den »Schanzern« gleich zweimal in die 2. Bundesliga aufstieg, das Trikot des SV Wehen Wiesbaden. Gegen die durchaus namhafte Konkurrenz in der hessischen Angriffsabteilung - Aziz Bouhaddouz, Orlando Smeekes oder den von einer Leisten-OP vorübergehend außer Gefecht gesetzten Addy Waku Menga - konnte sich Steffen Wohlfarth vergleichsweise mühelos durchsetzen. Mit sieben Saisontoren ist er der mit Abstand treffsicherste Stürmer des SVWW. Platz zwei teilen sich Mittelfeldakteur Zlatko Janjic und Aziz Bouhaddouz mit jeweils drei Treffern. Mittelfeldmann Alf Mintzel, der sich den beachtlichen kicker-Notenschnitt 2,92 erspielte, wird in Osnabrück nicht auflaufen können. Er verletzte sich beim Testspiel gegen Ordabasy Shymkent an Bändern und Kapseln und muss voraussichtlich vier Wochen pausieren.
Lila-Weiß gegen Schwarz-Rot
Aus der Statistikabteilung ist für die Partie am Samstag keine Schützenhilfe zu erwarten. Der VfL konnte bis dato nur ein einziges Spiel gegen Wehen Wiesbaden für sich entscheiden, und in der heimischen osnatel ARENA gelang noch kein einziger dreifacher Punktgewinn. Drei Duelle endeten unentschieden, dreimal durften die Hessen jubeln, zuletzt im kuriosen Hinspiel dieser Saison, als das auf neun Spieler geschrumpfte Team von Gino Lettieri ein 2:1 über die Zeit rettete. Zurück also zum einzigen Erfolgserlebnis der Lila-Weißen, das vom 1. Mai 2009 datiert. Konstantin Engel erzielte am 30. Spieltag der 2. Bundesliga das Feiertags-Tor des Tages. Seitdem sind gerade erst zweieinhalb Jahre vergangen. Trotzdem steht heute keiner der Spieler, die in der Anfangsformation aufliefen oder später eingewechselt wurden, noch in Diensten des VfL Osnabrück. Sieht man einmal von Thomas Reichenberger ab, der inzwischen das Amt des Teammanagers übernommen hat. Und natürlich ist auch der Übungsleiter von damals wieder an Bord. Beim einzigen Sieg gegen Wehen Wiesbaden saß Claus-Dieter Wollitz auf der Trainerbank der Osnabrücker.
Von: Thorsten Stegemann
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