|
Im Blickpunkt: VfL Bochum
07.05.11
Letztes Heimspiel der Saison 2010/11. Am 8. Mai empfängt der VfL Osnabrück den VfL Bochum in der osnatel ARENA. Vor 40 Jahren endete das VfL-Duell mit dem Aufstieg der Bochumer in die 1. Bundesliga und dem Verbleib der Osnabrücker in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Damals freuten sich nur die Kicker aus dem Ruhrgebiet, 2011 wären auch die Lila-Weißen am Ziel ihrer Wünsche. Doch dazu später mehr.

Die Wiederaufsteiger
Am Ende einer langen Saison kassierte der VfL Bochum im Juni 1994 noch zwei bittere Niederlagen. Im eigenen Stadion unterlag das Team von Jürgen Gelsdorf dem FC Homburg mit 1:4, eine Woche später verloren die Blau-Weißen beim Chemnitzer FC mit 0:1. Doch Platz 1 gaben sie nicht mehr aus der Hand. Nur ein Jahr nach dem ersten Abstieg in die 2. Bundesliga kehrte Bochum ins Fußalloberhaus zurück. Der verpasste Klassenerhalt schien nur ein Betriebsunfall gewesen zu sein. Bedauerlich, traurig, aber irgendwie unvermeidbar, nachdem sich der Kultverein von 1971 bis 1993 mit vereinten Kräften gegen die Zweitklassigkeit gewehrt hatte. Die Fans hofften auf eine neue Serie ihrer „Unabsteigbaren“, aber diesmal dauerte es nur 12 Monate, bis sich Bochum in der 2. Liga wiederfand. Unter Klaus Toppmöller gelang allerdings die sofortige Rückkehr und (als Tabellenfünfter) die sensationelle Qualifikation für den UEFA-Pokal, die Bochum denkwürdige Spiele gegen Trabzonspor, den FC Brügge und Ajax Amsterdam bescherte. 1999 endete der Höhenflug mit dem dritten Abstieg, den der VfL einmal mehr umgehend korrigieren konnte. In diesem Rhythmus ging es weiter. 2001: Abstieg. 2002: Aufstieg. 2005: Abstieg. 2006: Aufstieg. Damit es nach dem Abstieg 2010 auch 2011 postwendend wieder nach oben geht, wurde mit Friedhelm Funkel ein ausgewiesener Aufstiegsexperte verpflichtet (s. dazu auch das Funkel-Porträt in der neuen Ausgabe des Stadionmagazins „DRIN!“). Ursprünglich hatten beide Parteien sogar vereinbart, den Vertrag nur im Erfolgsfall bis 2012 zu verlängern. Mitte April gaben die Bochumer allerdings bekannt, dass Funkel unabhängig vom Ausgang dieser Spielzeit Chefcoach bleiben wird. Auch die Verträge von Co-Trainer Christoph John und Torwarttrainer Peter Greiber wurden dementsprechend modifiziert. Ernst-Otto Stüber, Vorsitzender des Aufsichtsrats, lobte Funkels „ruhige besonnene Art, seine soziale Kompetenz und sein Engagement nicht zuletzt im Nachwuchsbereich“, und auch Sportvorstand Thomas Ernst stellte dem Übungsleiter ein hervorragendes Zeugnis aus: „Er hat die Mannschaft kontinuierlich weiterentwickelt, besitzt eine natürliche Autorität und hat viele junge Spieler integriert.“ Friedhelm Funkel hörte es gerne, verlor das eigentliche Ziel dabei aber nicht aus den Augen: „In dieser Truppe steckt viel Potenzial. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit und über das klare Bekenntnis der Vereinsführung zum jetzigen Zeitpunkt. Wir werden in den kommenden Wochen alles geben, um wieder in die Bundesliga zurückzukehren.“
Bochumer in Nahaufnahme
Das Lob für den Cheftrainer kommt nicht von ungefähr, denn Funkel hat aus der Not des neuerlichen Abstiegs eine Tugend gemacht und für seinen aktuellen Kader eine effektive Mischung aus Routiniers und erfolgshungrigen Nachwuchsspielern zusammengestellt. Matthias Ostrzolek, Kevin Vogt, Mirkan Aydin oder Björn Kopplin gelang unter seiner Führung der Sprung in die erste Elf, und auch Torhüter Andreas Luthe ist ein Eigengewächs der Bochumer. Der 24-jährige spielte für SuS Niederbonsfeld und Borussia Velbert, ehe er vor fast genau zehn Jahren zum VfL wechselte und hier die verschiedenen Jugendabteilungen durchlief. Später hütete er das Tor der U23, arbeitete sich zum Ersatztorwart des A-Kaders vor und kam 2009/10 bereits zu drei Bundesligaeinsätzen. Nach dem vierten Spieltag der laufenden Saison erhielt Luthe den Vorzug vor dem sehr viel erfahreneren, aber unsicher wirkenden Philipp Heerwagen, bestritt seitdem 28 Spiele und überzeugte durch seine souveräne Strafraumbeherrschung, eine klare Ansprache und den nötigen Körpereinsatz. Welchen Anteil Luthes grünes Glücks-Handtuch an diesem Karrieresprung hat, sei einmal dahingestellt. Der Trainer ist sicher, dass der Keeper noch lange nicht auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angekommen ist: „Andi hat das Zeug für die Bundesliga“, glaubt Friedhelm Funkel. Einige von Luthes Kollegen kennen sich genau dort bestens aus. Die in den späten 70ern geborenen Marcel Maltritz, Christoph Dabrowski und Paul Freier kommen zusammen auf mehr als 750 Partien in der höchsten deutschen Spielklasse. Alterserscheinungen sind ihnen allerdings nur insofern anzumerken, als sie Ruhe und Selbstbewusstsein in die Mannschaft bringen und die „jungen Wilden“ ideal zu ergänzen scheinen. Auf das ganz große Fußballspektakel hat es diese Bochumer Mischung nicht unbedingt abgesehen. Doch die Ergebnisse stimmen in aller Regel, und für die besonderen Momente hat man ja noch den zuletzt angeschlagenen Chong Tese. Der in Japan geborene Stürmer kam zu Saisonbeginn von Kawasaki Frontale zum VfL und fand sich in der 2. Liga auf Anhieb gut zurecht. Der schnelle, technisch versierte und zweikampfstarke 27-jährige avancierte zum besten Bochumer Torjäger (bislang 10 Treffer), profitierte freilich auch davon, dass einige seiner „Abteilungskollegen“ mitunter weit hinter den Erwartungen zurückblieben. So gelangen Mahir Saglik bislang nur zwei Treffer in 24 Spielen. Mirkan Aydin war dagegen in 13 Partien bereits sechsmal erfolgreich, zuletzt gleich zweimal gegen Union Berlin. Als Sohn eines Südkoreaners und einer Nordkoreanerin entschied sich Tese 2006, für die nicht eben erfolgsverwöhnte Nationalmannschaft Nordkoreas aufzulaufen. Seitdem hat der "Wayne Rooney Asiens“ 27 Länderspiele absolviert und auch hier fleißig getroffen. 16 Tore stehen bislang zu Buche.
Ein Fehlstart und eine Serie
Dem Unternehmen „Wiederaufstieg“ ging im Sommer 2010 eine ernüchternde 0:3-Pokalniederlage gegen Kickers Offenbach voraus, und dem knappen 3:2-Auftakterfolg gegen 1860 München folgten Pleiten gegen Aue, Augsburg und Oberhausen. Gegen Bielefeld und Düsseldorf fand der VfL auf die Siegerstraße zurück, um kurze Zeit später gegen die direkte Konkurrenz aus Fürth, Cottbus und Berlin zu verlieren. Der Tiefpunkt einer durchwachsenen Hinrunde war am 20. November 2010 erreicht. 4:1 gewannen die seinerzeit akut abstiegsbedrohten Ingolstädter vor nur noch 9.600, überwiegend entsetzten Zuschauern im Rewirpower-Stadion. Doch dann drehte Funkels Team auf, fuhr acht Siege hintereinander ein und verbuchte weitere sieben Spiele ohne Niederlage, ehe Hertha BSC die herausragende Serie beendete (2:0) und der FCI erneut drei Tore zwischen sich und die Bochumer legte (3:0). Aus den beiden letzten Spielen gegen Paderborn (0:0) und Union Berlin (3:0) holte Funkels Team dann wieder vier Punkte.
Lila-Weiß gegen Blau-Weiß
Das VfL-Duell ist – infolge der immer nur sporadischen Besuche der Bochumer im Fußball-Unterhaus – das genaue Gegenteil eines Zweitligaklassikers. Im Hinspiel am 12. Dezember 2010 begegneten sich beide Vereine zum ersten Mal in dieser Spielklasse. Der knappe Sieg der Gastgeber, die das 0:1 durch Niels Hansen (18.) mit Hilfe von Mahir Saglik und Chong Tese innerhalb von fünf Minuten (68./72.) in ein 2:1 verwandelten, offenbarte eine spielerische Überlegenheit der Blau-Weißen, jedoch keine dramatischen Qualitätsunterschiede. Die Osnabrücker, die einen umstrittenen Platzverweis gegen Matthias Heidrich hinnehmen mussten, ließen den favorisierten Bochumern lange Zeit wenig Raum zur Entfaltung, mussten dem kräftezehrenden Spiel mit zehn Mann aber am Ende Tribut zollen. Und was geschah nun vor ziemlich genau 40 Jahren? Im Sommer 1971 trafen sich beide Vereine in der Aufstiegsrunde zur Fußball-Bundesliga. Bochum gewann 4:2 in Osnabrück, 3:1 im eigenen Stadion und stieg am Ende souverän in die 1. Liga auf, um 22 Jahre lang zu bleiben. Der VfL wurde Zweiter vor dem FK Pirmasens, dem Karlsruher SC und Tasmania 1900 Berlin. Osnabrück blieb zweitklassig, damals zum Leidwesen der Lila-Weißen. In diesem Jahr könnte man mit einem vergleichbaren Endresultat sehr viel besser leben …
Von: Thorsten Stegemann
|