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Interview mit Pele Wollitz
22.01.12
Zweieinhalb Jahre nach seinem vorläufigen Abschied von den Lila-Weißen ist Claus-Dieter „Pele“ Wollitz auf die Trainerbank des VfL Osnabrück zurückgekehrt. „DRIN!“ sprach mit dem 46-jährigen vor dem Spiel gegen Wehen Wiesbaden über seine neue Mannschaft, die aktuelle Lage des Vereins und seine Zielsetzungen für die nächsten Monate.
Nach der Absage der Partie veröffentlichen wir das Interview nun hier auf vfl.de.

DRIN!: Hallo Herr Wollitz! Sie haben immer gesagt, dass Sie noch einmal für den VfL arbeiten möchten. Aber dass es am Ende so schnell gehen würde …
Wollitz: … damit hätte ich selbst nicht gerechnet. Das Leben ist eben voller Überraschungen - und der Fußball sowieso. Am Ende ging alles ganz schnell, der Vorgang an sich war aber absolut in Ordnung. Es hat keine Vertragsgespräche gegeben, bevor ich in Cottbus gekündigt und der VfL sich von Uwe Fuchs getrennt hatte.
DRIN!: Und jetzt?
Wollitz: Habe ich richtig Bock auf die neue Aufgabe! Zwischen dem VfL und mir gibt es eine sehr spezielle Geschichte. Das gilt völlig unabhängig davon, dass ich für den Verein, bei dem ich beschäftigt bin, grundsätzlich 100 Prozent gebe. Aber wenn man hier als Spieler und fünf Jahre als Trainer beschäftigt war, dann ist das schon etwas ganz Besonderes. Ich bin dem VfL immer noch dankbar, dass er mir 2004 in einer besonders schwierigen Situation die Möglichkeit gegeben hat, als Trainer zu arbeiten, und wir haben bis 2009 viel zusammen aufgebaut.
DRIN!: Dann kam der Abstieg, erst Monate später wurde der sogenannte Wettskandal bekannt. Was ist davon hängen geblieben?
Wollitz: Statistisch betrachtet: gar nichts. In der Vita des Vereins steht: 2009 abgestiegen. Und nicht: wurde 2009 Opfer eines Wettskandals und stieg deshalb ab. Ich persönlich bin immer noch traurig und fassungslos. Wir hatten damals eine extrem positive Perspektive für den Verein geschaffen, und das ist alles kaputt gemacht worden. Außerdem wurden zahlreiche sportliche Existenzen zerstört, vom wirtschaftlichen Schaden einmal ganz zu schweigen. Dass der DFB und die DFL den Verein in dieser Situation nicht mehr unterstützt haben, enttäuscht mich bis heute. Da wäre ein stärkerer Rückhalt möglich und angemessen gewesen.
DRIN!: Sie haben sich in Osnabrück und auch in Cottbus viel Respekt und einen guten Namen erarbeitet. Warum tun Sie sich noch einmal die 3. Liga an?
Wollitz: Weil es um den VfL geht. Wenn immer und überall gesagt wird „Der Verein gehört in die 2. Liga!“, dann muss es auch Menschen geben, die diesen Anspruch mit Leben erfüllen. Die Erfahrungen, die ich in Cottbus gesammelt habe, waren unglaublich wichtig für mich. Energie ist ein Top-Verein mit hervorragenden Strukturen. Ich habe dort immer die volle Rückendeckung genossen und ruhig, gewissenhaft und sachlich arbeiten können. Doch nach den Abgängen im letzten Sommer hatte ich zunehmend das Gefühl, nicht mehr richtig in die Spur zu kommen. In dieser Situation war es ein Gebot des Anstands und der Fairness, sich in aller Freundschaft zu trennen.
DRIN!: Um sich gleich wieder hohen Erwartungen zu stellen?
Wollitz: Damit habe ich noch nie ein Problem gehabt. Ich denke allerdings, dass die Situation des VfL sehr viel positiver ist als 2004, und ich selbst habe viel dazugelernt, bin älter und sicher auch reifer geworden.
DRIN!: Der überschäumende Pele am Spielfeldrand ist aber doch hoffentlich nicht Geschichte.
Wollitz: Bestimmt nicht. Aber ich bin insgesamt gelassener geworden und kann meine Emotionalität besser einsetzen.
DRIN!: Um den Verein gab es in letzter Zeit einige Turbulenzen. Präsident Dr. Dirk Rasch und Manager Lothar Gans haben für das Jahr 2012 ihren Rückzug angekündigt. Fans der Lila-Weißen wollen sich mehr in die Entscheidungsprozesse ihres Vereins einbringen. Wie beurteilen Sie diese Ereignisse?
Wollitz: Das ist ein abendfüllendes Thema. Ich glaube schon, dass sich die Außendarstellung unseres Vereins verbessern muss und die Verantwortlichen gut daran tun, Kritik nicht in erster Linie als persönlichen Vorwurf zu betrachten. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Wenn wir offen, sachlich und respektvoll über kontroverse Themen diskutieren, ist dem Verein am meisten gedient. Klar ist für mich aber, dass dieses Präsidium über viele Jahre sehr gute Arbeit geleistet und die Gesamtsituation des Vereins Schritt für Schritt verbessert hat. Wenn Menschen wie Dirk Rasch, Lothar Gans oder Dieter Prütz sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, als der Verein am Boden lag, nicht entschieden hätten, die Ärmel hochzukrempeln und hier mit hohem persönlich Einsatz zu arbeiten, gäbe es den VfL vermutlich gar nicht mehr. Damit ist der geschichtliche Teil für heute aber auch ausreichend behandelt.
DRIN!: Einverstanden. Sie übernehmen erstmals eine Mannschaft mitten in der Saison und haben den Kader – abgesehen von Hennings und Kachunga – deshalb nicht selbst zusammengestellt. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?
Wollitz: Die Situation ist tatsächlich ungewohnt, aber ich bin rundum zufrieden. Der Kader wurde von Uwe Fuchs und Lothar Gans sehr gut zusammengestellt, die Spieler harmonieren miteinander, sind diszipliniert und gut zu führen. Für mich gibt es keinen Anlass, jetzt Entscheidendes zu verändern – weder im Kader noch im Bereich des sonstigen Personals.
DRIN!: Es soll Fans geben, die sich freuen würden, wenn Jan Tauer nun öfter zum Einsatz käme.
Wollitz: Das ist durchaus möglich, auch wenn ich Stephan Salger für ein außergewöhnliches Talent mit sehr guten Perspektiven halte. Aber jeder, der der Mannschaft Halt und Qualität gibt, hat die Chance, sich für die erste Elf zu empfehlen. Er muss es aber beweisen – im Spiel und auch im Training.
DRIN!: Im ersten Teil der Saison konnte die Mannschaft defensiv durchgehend überzeugen, doch in der Vorwärtsbewegung gab es erhebliche Defizite. Nur Oberhausen, Münster und Bremen II haben weniger Tore geschossen. Erklärt sich die Verpflichtung von Hennings und Kachunga allein durch diese Zahlen?
Wollitz: Wegkamp und Pauli sind tolle Jungs und gute Fußballer. Ich glaube aber nicht, dass sie jetzt schon Woche für Woche dem Druck standhalten können, Torjäger des VfL Osnabrück zu sein. Wir brauchen aber mehr Tore, denn mit der bisherigen Trefferquote kommen wir über den Status eines normalen Drittligisten nicht hinaus – und das kann niemals der Anspruch des VfL sein. Deshalb haben wir den Kader um Rouwen Hennings ergänzt, der schon in der 1. und 2. Bundesliga gespielt hat und sich für die Rückkehr zum FC St. Pauli unbedingt empfehlen will. Kachunga ist aktueller U20-Nationalspieler. In dieser Gesamtkonstellation sind wir so aufgestellt, dass wir noch einmal oben angreifen können.
DRIN!: Der VfL hat sich vor Saisonbeginn entschieden, den Neuaufbau mit vielen jungen Spielern aus den eigenen Reihen zu gestalten. Können Sie sich mich mit dieser Zielvorgabe identifizieren?
DRIN!: Wenn wir große Talente hervorbringen, wird sie niemand behindern. Ganz im Gegenteil! Aber wir müssen auch die Realität sehen und ehrlich mit Anspruch und Wirklichkeit umgehen. Der Verein kann nicht einfach beschließen, dass jetzt sieben oder acht Leute aus dem eigenen Nachwuchs kommen und den VfL in die 2. Bundesliga schießen. Wenn wir wieder nach oben wollen – und das will, so weit ich sehe, hier jeder Fan, jeder Verantwortliche und jeder Sponsor – dann brauchen wir Spieler, die den Anforderungen des Aufstiegskampfes beziehungsweise der 2. Bundesliga dauerhaft gewachsen sind. Wie viele Spieler dieser Kategorie hat der VfL in den letzten zehn Jahren hervorgebracht? Koka Engel sicherlich und vielleicht auch Addy Menga. Aber dann fallen mir nicht mehr viele ein. Trotzdem wird die Nachwuchsarbeit weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen, denn es gibt ja überzeugende Ansätze, Erfolge und positive Entwicklungen. Aber ein bloßer Jugend-Hype bringt uns überhaupt nichts.
DRIN!: Unter diesen Umständen erklärt sich schnell, dass Sie kein Freund des Wortes „Aufbaujahr“ sind.
Wollitz: Nein, das bin ich nicht, weil ich glaube, dass der moderne Fußball diese Konstruktion längst überholt hat. Heute muss man Erfolg haben und gleichzeitig aufbauen. Beim VfL kommt etwas Wichtiges hinzu: Hier akzeptiert kein Mensch, dass wir – wie nach dem Heimspiel gegen Aalen – auf Platz 12 der 3. Liga stehen. Dann gibt es Frust, die Zuschauerzahlen brechen ein, und die Sponsoren haben schlichtweg keine Lust mehr, den Verein in größerem Umfang zu unterstützen.
DRIN!: Darum haben Sie schon bei der ersten Pressekonferenz zur Aufholjagd geblasen?
Wollitz: Ja, und dabei ging es natürlich auch um die Spieler, denen klar werden musste, dass wir in dieser Saison noch alles erreichen können. Schauen Sie sich doch mal die anderen Vereine an. Da macht sich ein gutes Dutzend Hoffnungen auf den Sprung in die 2. Liga oder mobilisiert – wie gerade Heidenheim – erhebliche finanzielle Mittel. Und der VfL soll daneben stehen, zuschauen und sagen: Wir legen jetzt ein Aufbaujahr ein? Für uns ist das überhaupt keine Option. Wir wollen alles daran setzen, damit wir noch in dieser Saison aufsteigen. Niemand darf verlangen, dass wir es am Ende schaffen, denn wir müssen in 17 Spielen mehr Tore schießen und mehr Punkte holen als zuvor in 21. Allerdings kann das gesamte Umfeld erwarten, dass wir bis zum Schluss alles versuchen.
DRIN!: Sie spekulieren also auf einen Showdown wie im Mai 2008?
Wollitz: Ich nehme auch den vom Mai 2007, als wir gegen Ahlen kurz vor Schluss den Siegtreffer erzielt haben. Der passt noch besser, obwohl das 3:0 gegen Offenbach mit dem anschließenden Klassenerhalt in Liga 2 wie ein Aufstieg gefeiert werden konnte. In beiden Fällen haben wir bewiesen, dass man einer Mannschaft den Glauben vermitteln kann, das große Ziel erreichen zu können - notfalls in letzter Minute. Ich sehe momentan keinen Grund, warum das 2012 nicht gelingen sollte.
DRIN!: Weil es zu viele Konkurrenten gibt und der Abstand zu groß ist?
Wollitz: Dass es mir lieber wäre, wenn der VfL mit zehn Punkten Vorsprung auf Platz 1 stehen würde, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber es ist doch ein Glücksfall, dass wir mit dieser Torausbeute und nur sechs Siegen aus 21 Spielen überhaupt noch eine Chance haben. Da sie nun einmal da ist, wollen wir sie nutzen.
DRIN!: Sie starten mit einem Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden und einem Gastspiel beim Klassenprimus Jahn Regensburg in den zweiten Saisonteil. Es gäbe dankbarere Aufgaben.
Wollitz: Kann sein, kann nicht sein. Für mich ist der Spielplan völlig unerheblich. Wir wollen den positiven Trend, der gegen Bielefeld und vor allem gegen Darmstadt begonnen wurde, fortsetzen – egal gegen wen. Wir werden offensiv und attraktiv spielen, dürfen aber nicht ins offene Messer laufen. Ich bin bekanntlich ein Freund der Abteilung Attacke, aber die muss mit Verstand geführt werden.
DRIN!: Wir drücken die Daumen. Alles Gute, Herr Wollitz, und besten Dank für das Gespräch!
Von: Thorsten Stegemann
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