Historie

Brückenschlag (149): Der VfL hat den besten Sturm der 2. Liga!

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Die neue Saison wirft bereits ihre Schatten voraus, doch wir drehen die Uhr heute ein halbes Jahrhundert zurück. 1976/77 absolvierten die Lila-Weißen eine der erfolgreichsten Zweitliga-Jahre der Vereinsgeschichte. Nach 38 Spieltagen belegten die Osnabrücker nicht nur einen einstelligen Tabellenplatz. Sie hatten auch 84 Tore geschossen. Mehr als jedes andere Team in Deutschlands zweithöchster Klasse.

Die 12 Treffer beim Kantersieg gegen den heutigen Landesligisten SC Union 06 Berlin sind in dieser Rechnung noch nicht einmal enthalten. Sie fielen im DFB-Pokal, in dem das Team von Trainer-Novize Siegfried Melzig ebenfalls einige Ausrufezeichen setzte. Dem 12:1 folgte in Runde 2 ein 2:0 gegen den Viertligisten SG Egelsbach, ehe man Borussia Dortmund, seinerzeit trainiert von Otto Rehhagel, an der Bremer Brücke mit 3:1 bezwang. Erst im Achtelfinale war Schluss. Im knietiefen Schnee von Nürnberg setzte der VfL auf das falsche Schuhwerk und verlor mit 0:1.

Im Liga-Alltag lief es genau umgekehrt. Die Lila-Weißen rumpelten mehr schlecht als recht in die neue Saison, holten nur einen Sieg aus den ersten sechs Spielen, legten in zwei Sieben-Tore-Spektakeln gegen Wattenscheid (5:2) und in Uerdingen (4:3) dann aber den Schalter um. Bis Jahresende gewannen sie sieben weitere Partien - gegen Wacker 04 Berlin, Göttingen 05 und Schwarz-Weiß Essen erzielten Melzigs Schützlinge jeweils vier Treffer. In der größtenteils 1977 ausgetragenen Rückrunde gelang das auch gegen Münster, Arminia Hannover und Wolfsburg, während Alemannia Aachen an der Bremer Brücke sogar fünf Gegentore hinnehmen musste.

Der überragende Goalgetter der Lila-Weißen war Gerd-Volker Schock, der insgesamt 23 Treffer erzielte. Heinz-Dieter Greif trug sich 13 Mal in die Torschützenliste ein, Herbert Mühlenberg war zehn Mal erfolgreich und sogar der erst im Herbst von Servette Genf nach Osnabrück gelotste Alfred Hussner traf noch neun Mal ins Schwarze. Der Angriffswirbel des VfL hatte allerdings seinen Preis. Das hintere Drittel des Spielfelds glich nicht selten dem sprichwörtlich offenen Scheunentor und so kassierten die Osnabrücker auch deftige Niederlagen, so geschehen beim 0:5-Debakel in Herne oder bei der nicht wesentlich erfreulicheren Dienstreise zum SC Herford (2:5).

Am Ende der Saison stellten die Lila-Weißen mit 84 Toren zwar die erfolgreichste Offensivabteilung der gesamten Liga. Der zeitweilig verletzte Uwe Seiler und sein von Schweinfurt 05 herbeigeholter Ersatzmann Wolfgang Dramsch, der zur neuen Nr.1 wurde, mussten allerdings auch 77 Mal hinter sich greifen. Nur Wattenscheid 09 (80) sowie die drei Absteiger Wacker 04 Berlin (79), Union Solingen (96) und der VfL Wolfsburg (119) kassierten mehr Gegentore.

Ein 0:0 konnte dieser VfL eigentlich nicht und tatsächlich endeten nur zwei der 38 Liga-, acht Freundschafts- und vier Pokalspiele in der Saison 76/77 mit einem torlosen Remis. Auf der Habenseite standen schließlich das Erreichen des Achtelfinales im DFB-Pokal und der 9. Tabellenplatz in der 2. Bundesliga. Doch am Himmel über der Bremer Brücke waren schon wieder dunkle Wolken aufgezogen. Während einer Pressekonferenz hatte der frischgebackene Präsident Hartwig Piepenbrock seinem impulsiven Cheftrainer Siegfried Melzig, der Ligaobmann Heinz Schulze scharf angegangen war, den Stuhl vor die Tür gesetzt. Interimsweise übernahm Eduard Sausmikat, zur neuen Saison schickte Piepenbrock dann Reinhard Roder ins Rennen. Aber auch der blieb nicht sehr lange und wurde im März 1978 von Rückkehrer Radoslav Momirksi ersetzt, der den Abstieg so gerade noch verhindern konnte.

Historisch betrachtet war die Torflut der Saison 76/77 übrigens kein Einzelfall. 84 Treffer verbuchte der VfL auch in der Spielzeit 73/74 und in der legendären Nordmeister-Saison 1968/69 erzielten die Lila-Weißen sogar 94 Tore - in gerade einmal 32 Partien. Ein absolutes Unikat, in Anbetracht der Zeitverhältnisse aber auch ein Muster ohne großen Wert, stellt die erste Nachkriegsspielzeit 1946/47 dar. Der kurzfristig als „FSV“ firmierende VfL brauchte seinerzeit offenbar nur 24 Spiele, um sage und schreibe 108 Tore zu erzielen.

Titelbild: © IMAGO / Rust

Text: Thorsten Stegemann

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