Er trug nur eine Saison das Trikot der Lila-Weißen, aber es hätte auch dieses eine Spiel gereicht, um Andreas Wagner einen Platz in der lila-weißen Vereinsgeschichte zu sichern. Seine drei Tore waren entscheidend für den sensationellen 5:4-Erfolg, den der VfL am 23. September 1978 im Münchner Olympiastadion feierte.
Platz 12 in der Fußball-Bundesliga, Pokalaus in Runde 3 beim FC Homburg - eine völlig inakzeptable Bilanz für den großen FC Bayern München. Doch der Vorzeigeklub von der Säbener Straße war nach der Katastrophensaison 1977/78 wieder auf dem Weg nach oben. In der ersten Runde des DFB-Pokals hatte das Team von Gyula Lóránt den Schwäbischen Pokalsieger SSV Glött standesgemäß mit 5:0 besiegt. In der Liga rangierten die Bayern vor dem Zweitrundenduell mit den Lila-Weißen direkt hinter Spitzenreiter Kaiserslautern.
Die Gäste, die in Runde 1 die TuS Iserlohn mit 2:0 geschlagen hatten, rechneten sich im Olympiastadion denn auch keine realistischen Chancen aus. Trainer Radoslav Momirski war bereit, ein 1:4 wie ein Unentschieden anzusehen, und die meisten seiner Spieler verbrachten den Abend vor dem großen Spiel auf dem Münchner Oktoberfest. Ob Andreas Wagner mit von der Partie war, wusste er später vielleicht selbst nicht mehr ganz genau. In einem Fernsehinterview gab er an, zu nervös für den Besuch der Wies´n gewesen zu sein. Doch in einem Gespräch mit dem Berliner „Tagesspiegel“ las sich das im Jahr 2001 ganz anders:
„Ich war einfach kein guter Profi. Ich habe gern getrunken, habe gern gezockt, ich habe geraucht, ich habe gekifft. Was man halt macht, wenn man jung ist. Ich habe vor dem Bayern-Spiel gesoffen. Und danach. 1986 habe ich eine Entziehungskur gemacht. Seitdem bin ich trocken.“
Andreas Wagner

Für den Spielverlauf schien der Alkoholpegel der Beteiligten zunächst ohnehin keine große Rolle zu spielen. Udo Horstmann brachte den Topfavoriten nach einer Viertelstunde in Führung. Doch dann nutzten die Lila-Weißen die Chance, die sie eigentlich gar nicht hatten. Innerhalb von zwei Minuten tauchte Andreas Wagner zweimal relativ unbedrängt vor Torwart-Ikone Sepp Maier auf und drehte das Spiel zugunsten der Osnabrücker. Bis zur Pause bekamen die gerade einmal 8.500 Zuschauer aber noch deutlich mehr geboten. Gerd Müller glich per Foulelfmeter aus, ehe Reinhold Nordmann die Gäste wieder in Front brachte. Kurz vor dem Halbzeitpfiff traf Gerd Müller mit dem Kopf zum 3:3.
Dass der „Bomber der Nation“ in diesem denkwürdigen Spiel ebenfalls drei Tore erzielte, wird oft übersehen, doch tatsächlich war es Müller, der die Bayern kurz nach dem Seitenwechsel wieder in Führung brachte. Sein zweites Strafstoßtor egalisierte Michael Strunck in der 69. Minute. Acht Tore waren mittlerweile bereits gefallen, doch Andreas Wagner hatte das alles entscheidene noch auf dem Fuß. Nach einem weiteren VfL-Angriff über die rechte Seite ließ er den eingewechselten Klaus Augenthaler ins Leere laufen und lupfte den Ball über Sepp Maier hinweg in die Maschen (zu sehen im Beitragsbild).
Für den 21jährigen, der das Fußballspielen bei der Hamburger Turnerschaft gelernt und anschließend für Wacker 04, den FC St. Pauli und Concordia Hamburg gekickt hatte, war die Pokalsensation der Höhepunkt einer unsteten Karriere. In der laufenden Spielzeit (die übrigens mit dem Abstieg geendet hätte, wenn St. Pauli und Westfalia Herne nicht die Lizenz entzogen worden wäre) markierte er 14 Tore. Doch dann lief nicht mehr viel zusammen. In der Hinrunde der darauffolgenden Saison wechselte er für eine Ablöse von 150.000 DM zum belgischen Erstligaaufsteiger Cercle Brügge. Nach kurzer Zeit kehrte Wagner in seine Geburtsstadt zurück, spielte noch einmal für Concordia, dann für Altona 93 und schließlich beim Willinghusener SC in der Kreisliga.
Immer wieder wurde er auf den großen Karriereknick angesprochen und ob er bereue, nicht viel mehr aus seinem doch zweifellos reichlich vorhandenen Talent gemacht zu haben. Wagner wünschte sich tatsächlich gelegentlich, er hätte die drei Tore gegen die Bayern nie geschossen. Doch alles in allem war er mit seinem Leben im Reinen. Nachdem er den Fußball an den Nagel gehängt hatte, verdiente er sein Geld im Einzelhandel oder in der Altenpflege und blickte erfrischend ehrlich und unverkrampft auf die kurze Zeit im Rampenlicht.
„Ich bereue nichts. Ich habe immer gerne Fußball gespielt, aber ich war eben nie der Typ, der sich für Fußball gequält hat. Trainingslager und Waldlauf - da hatte ich einfach keine Lust zu. Deswegen konnte ich auch kein großer Spieler werden.“
Andreas Wagner
Aber doch einer, dem der VfL einen legendären Auftritt und unvergessliche Momente zu verdanken hat!
Titelbild: © IMAGO / Sven Simon
Text: Thorsten Stegemann


