
Mai 1989: Vier Spieltage vor Saisonende steht der VfL in der 2. Bundesliga auf einem Abstiegsplatz. Verliert das Team von Hans-Werner Moors das Heimspiel gegen Hertha BSC könnte der Kontakt zum rettenden Ufer endgültig abreißen. Als Christian Niebel kurz nach der Pause das 2:0 für die Gäste erzielt, sinken die Hoffnungen der Lila-Weißen auf den Nullpunkt. Doch dann geschieht gleich ein doppeltes Fußballwunder.
Heute könnte man in einem vergleichbaren Fall wohl davon ausgehen, dass die Bremer Brücke schon Wochen vorher restlos ausverkauft wäre. Nicht so in den späten 80ern. Obwohl der VfL mit freiem Eintritt für Frauen (!) und Kinder geworben hatte, fanden kaum 4.000 Zuschauer den Weg ins Stadion. Eine zusätzliche Bürde für die Mannschaft von Hans-Werner Moors, die zuletzt beim Aufstiegsaspiranten Saarbrücken (0:2) die 15. Saisonniederlage einstecken musste.
Entsprechend verunsichert starteten die Lila-Weißen ins vorletzte Heimspiel und wenn man schon kein Glück hat, kommt bekanntlich auch noch Pech dazu. In der 19. Minute übersah der damals Linienrichter genannte Schiedsrichterassistent eine Abseitsstellung der Berliner, Helmut Rombach nutzte die unerwartete Gelegenheit zur Führung. Bis zur Pause hatten die Lila-Weißen dann einige gute Möglichkeiten, scheiterten aber am aufmerksamen Gäste-Keeper Walter Junghans oder an eigenen Unzulänglichkeiten.
Warum ausgerechnet nach dem 0:2 ein sichtbarer Ruck durch die Mannschaft ging, konnte später niemand genau erklären. Die eingewechselten Klaus Basten und Bernd Hansen, die Ingo Pickenäcker und Andreas Helmer ersetzten, spielten dabei aber zweifellos eine entscheidende Rolle. Kurz nachdem sie das Feld betreten hatten, fand Bastens Kopfballvorlage Stefan Holze, der am Morgen noch seine mündliche Prüfung zum Sparkassen-Kaufmann abgelegt hatte. Holzes Wechsel zu Eintracht Braunschweig stand schon mehr oder weniger fest, doch an diesem Abend beschäftigte er sich erst einmal mit der Rettung seines aktuellen Vereins und markierte den Anschlusstreffer für die Lila-Weißen. Gut zehn Minuten später setzte Hansen den miteingewechselten Basten in Szene, der ins lange Eck zum 2:2 traf.
Der VfL war tatsächlich noch einmal herangekommen, was nach Spielverlauf und Stimmungslage durchaus als Fußballwunder gelten konnte. Doch Helmut Rombach, der die Berliner mit seinen drei Toren beim 4:1-Auswärtssieg gegen Preußen Münster im entscheidenden Spiel der Aufstiegsrunde überhaupt erst wieder in die 2. Liga geschossen hatte, schien fest entschlossen zu sein, an der Bremer Brücke den Spielverderber zu geben. In der 72. Minute entwischte er Neale Marmon und brachte die Alte Dame abermals in Front.
Die Lila-Weißen waren allerdings nicht bereit, das wichtige Spiel ein weiteres Mal aus der Hand zu geben. Nur vier Minuten später fand eine Flanke von Ralf Heskamp den überragenden Holze, der zum erneuten Ausgleich traf. Auf den Bänken und auf den spärlich besetzten Tribünen war die Spannung nun mit Händen zu greifen, denn der VfL hatte offenbar immer noch nicht genug. Die Hertha, im beruhigenden Gefühl des vermeintlich sicheren Klassenerhalts, ließ es geruhsamer angehen und kam schlichtweg zu spät, als ein Holze-Eckball von Jaschke verlängert wurde und dann bei Hansen landete, der kurzentschlossen das siebte und letzte Tor des Tages erzielte (82.).
Die Fans belohnten das Spektakel mit Jubelgesängen und Standing Ovations, Trainer Moors bedankte sich bei dem möglicherweise tatsächlich existierenden Fußballgott und die Mannschaft war froh, dass ihre tolle Moral am Ende belohnt wurde. Der 4:3-Erfolg setzte neue Energien frei - in den letzten drei Spielen bei Fortuna Köln (3:1), gegen Union Solingen (6:0) und bei Mainz 05 (1:1) sammelte die Mannschaft die entscheidenden Punkte für den Klassenerhalt. Der VfL wurde schließlich Vierzehnter, punktgleich mit den Berlinern, die infolge der besseren Tordifferenz Platz 13 belegten.
Titelbild: Neue Osnabrücker Zeitung, 27. Mai 1989, S.37
Text: Thorsten Stegemann


