„Hohn und Spott für die Clubprofis“ titelten die „Nürnberger Nachrichten“ im August 1991, nachdem der neunfache Deutsche Meister aus Franken beim damaligen Amateur-Oberligisten TSV Havelse gescheitert war. 21 Jahre später trafen sich beide Vereine wieder – und auch diesmal lief es nicht gut für den Favoriten.
War etwa eine Schinkenplatte schuld an der Pokal-Pleite? Wenige Tage vor dem erneuten Aufeinandertreffen suchte die Nürnberger Presse nach einer Erklärung für die Niederlage von 1991 und holte zu diesem Zweck auch die Meinung von Uwe Wolf ein. Der frühere Defensivallrounder gab zu Protokoll, sein Mannschaftskollege Jörg Dittwar habe sich eine Schinkenplatte aufs Hotelzimmer kommen lassen und sei deshalb von Trainer Willi Entenmann, der in puncto gesunde Ernährung keinen Spaß verstand, nicht aufgestellt worden. Ausgerechnet Dittwar galt aber als sicherster Elfmeterschütze und den hätten die Clubberer an diesem Tag gut gebrauchen können.
Wer sich die Startelf der Gäste anschaut, ahnt freilich, dass es nicht nur an der Schinkenplatte gelegen haben kann. Denn der 1. FC Nürnberg, der in dieser Saison Bundesligasiebter werden sollte, schickte neben Nationalmannschaftstorhüter Andreas Köpke auch Kay Friedmann, Uwe Wolf, Rainer Zietsch, Thomas Brunner, Dirk Fengler, André Golke, Marc Oechler, Martin Wagner, Uwe Weidemann und Dieter Eckstein ins Rennen. Bis zur Pause lief alles weitgehend nach Plan. Kurz vor dem Halbzeitpfiff, zum psychologisch günstigsten Zeitpunkt, bediente Eckstein den erwähnten Uwe Wolf, der die Gäste per Flugkopfball in Führung brachte.
Doch im zweiten Durchgang schrieb der Underdog ein weiteres Kapitel in dem Buch vom Pokal, der seine eigenen Gesetze hat. Nach einer Stunde gelang Christian Meier der Ausgleich und in der Verlängerung schickte Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers den Nürnberger Torschützen, der bereits eine gelbe Karte wegen Meckerns kassiert hatte, nach einem ruppigen Einsatz im Mittelfeld vorzeitig zum Duschen. Die letzten gut 20 Minuten überstanden die Clubberer zwar ohne Gegentor, sie kosteten allerdings Kraft und Nerven, die im anschließenden Elfmeterschießen fehlten. Mit Martin Wagner und Rainer Zietsch scheiterten gleich die ersten beiden Schützen, während vier Niedersachsen trafen und das Ticket für die nächste Runde lösten.
21 Jahre später waren die Rollen noch klarer verteilt als in den frühen 90ern. Havelse spielte in der Regionalliga Nord, drei Klassen unter den von Dieter Hecking trainierten Nürnbergern. 3.500 Zuschauer hatten sich im Wilhelm-Langrehr-Stadion eingefunden, um zu sehen, was der kernigen Ansage des damaligen Chefcoaches André Breitenreiter – „Wir wollen unsere Chancen eiskalt nutzen“ – folgen würde. Zunächst sah alles nach einer erfolgreichen Revanche aus. Alexander Esswein markierte schon in der 7. Minute das 1:0, das Christoph Beismann allerdings nur sechs Minuten später egalisieren konnte.
Es war brütend heiß in Garbsen, wo die Hausherren nun immer besser ins Spiel kamen. Beismann hatte zwei gute Möglichkeiten, um die Partie noch vor der Pause zu drehen, der nächste Torschütze hieß dann aber Patrick Posipal, der nach Vorarbeit von Marc Vucinovic mit einem Kopfball das 2:1 erzielte (60.). Dem eingewechselten Robert Mak gelang zehn Minuten vor dem Abpfiff noch der Ausgleich, sodass auch dieses Duell in die Verlängerung ging. Doch vom Favoriten war auch in diesen letzten 30 Minuten wenig zu sehen. Havelse blieb die überlegene Mannschaft, ging in der 97. Minute durch Marc Vucinovic erneut in Führung und durfte sich schließlich als verdienter Sieger feiern lassen.
Nach den sensationellen Erfolgen gegen Nürnberg gab es in beiden Fällen allerdings keine weitere Pokalüberraschung durch den TSV. 1991 verloren die Niedersachsen in der nächsten Runde mit 0:4 beim SC 08 Bamberg. 21 Jahre später scheiterten Breitenreiters Schützlinge am VfL Bochum, der nach einem 1:1-Unentschieden zur Pause noch mit 3:1 gewann.
Text: Thorsten Stegemann
Bild: Havelser Jubel nach dem Pokalsieg gegen Nürnberg am 17.08.1991 © IMAGO / Rust
