Aus Anlass des internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust fand am Samstag im Kontext der dazu ausgerufenen Erinnerungswochen im deutschen Fußball der diesjährige !Nie-wieder-Spieltag statt. An dieser Stelle dokumentieren wir das Statement, welches das Bündnis Tradition lebt von Erinnerung im Spieltagsflyer Pasado Viola der Violet Crew erschienen ist und in gekürzter Form auch vor Spielbeginn durch die Stadionmikrofone vorgetragen wurde.
„Was hat das mit dem VfL zu tun? Kümmert Euch um den Fußball!“
In Zeiten neurechter Tendenzen gibt es viele Sätze wie diesen, die einem immer und immer wieder begegnen. Zum Beispiel immer dann, wenn sich ein Verein gesellschaftlich oder erinnerungskulturell engagiert. Und wir sprechen hier nicht von einem Thema, das nur Vereine betrifft, die in diesem Kontext vielleicht zu den üblichen Verdächtigen gehören, auch das Engagement rund um den VfL wird manchmal derart kommentiert. Dass diese Themen uns sehr wohl betreffen, möchten wir rund um den Erinnerungstag im Deutschen Fußball erklären.
Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Rund um diesen Tag erinnert die Fußballfamilie an die Opfer des Nationalsozialismus. Das NS-Regime nutzte den Sport zur Steigerung von Arbeitsmoral und Kriegstüchtigkeit, zur Propaganda und sogar als Mittel der Gewalt in Konzentrationslagern. Schon die Olympischen Spiele 1936 dienten der Machtdemonstration. Und auch der Fußball unterwarf sich dem System: Jüdische Spieler wurden ausgeschlossen, Sportverbände gleichgeschaltet.
Im Jahr 1940 entschied sich auch der VfL Osnabrück zu einer Satzungsänderung. Dort hieß es in klar nationalsozialistischem Ton nun: „Mitglieder können nicht Personen sein, die nicht deutschen oder artverwandten Blutes oder solchen gleichgestellt sind.“

Umgesetzt wurde diese Ausgrenzung jedoch schon weitaus früher. Bereits um 1935 musste Felix Löwenstein den VfL aus sogenannten „rassischen Gründen“ verlassen. Vereinsmitglieder, die sich engagierten, sportlich betätigten oder sogar als Sponsoren fungierten, waren fortan keine Sportkameraden mehr. Freundschaften und Verbindungen, die oft lange bestanden, gingen verloren – Ideologie stand über menschlichen Werten.
Die Forschung rund um unseren VfL steht an dieser Stelle vor einer schwierigen Aufgabe, denn außer dem Fall Felix Löwensteins konnten bisher aufgrund einer mangelhaften Quellenlage durch die kriegsbedingte Vernichtung der Mitgliederkartei keine Fälle von Vereinsausschlüssen auf dieser Grundlage nachgewiesen werden. Gesichert ist jedoch beispielsweise, dass auch die jüdischen Familien Flatauer und Nussbaum in den 1920er Jahren als Mitglieder und Förderer des Osnabrücker Turnvereins galten, dem der spätere VfL-Vorläuferverein Spiel und Sport seinerzeit als Abteilung Spiel und Sport angeschlossen war. Mehr noch: Der Verein hatte diese Mitglieder offenbar sogar gezielt geworben. Der spätere Osnabrücker Sport-Pionier und Pädagoge Ernst Sievers beschreibt die Zeit so: „Schon bald nach dem (Ersten, Anm. d. Red) Weltkrieg begannen die sogenannten Nationalen Kreise in Osnabrück gegen alle demokratisch Gesinnten. Eine führende Stellung nahm der Osnabrücker Turnverein ein. Dieser Verein der Deutschen Turnerschaft hatte die finanziell am sichersten stehenden Juden (z.B. Flatauer, Nussbaum) als Mitglieder gewonnen und zu großen Geldspenden veranlasst. […] Die Abteilung Spiel und Sport des OTV, die zu 90 % aus Demokraten bestand, wurde ausgeschlossen. Ich war zu dieser Zeit Leiter dieser Abteilung. Die Judenhetze begann auch im OTV, der 1924 alle Juden ausschloss.“

Spiel und Sport noch als Abteilung des OTV
Dieser Bericht belegt, dass zumindest im VfL-Vorläufer Spiel und Sport, der nach dem Rauswurf aus dem OTV ein eigenständiger Verein und 1925 in VfL Osnabrück umbenannt wurde, demokratische Werte Konsens waren. Nicht belegt, aber durchaus möglich ist, dass auch die Familien Flatauer und Nussbaum sich in der Folge wie auch Felix Löwenstein, der ehemaliges Mitglied von SuS war, dem neuen Verein verbunden fühlten. Sicher ist in jedem Fall, dass der Maler Felix Nussbaum, berühmter Sohn der Familie Nussbaum sich für den Fußball begeisterte, widmete er diesem Sport Ende der 20er Jahre doch eine ganze Bildserie. Die Eltern Rahel und Philipp Nussbaum wurden wie die Kinder der Familie Justus und Felix gegen Ende der NS-Zeit 1944 allesamt in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis ermordet. Aus der Familie Raphael Flatauer überlebten die Söhne Kurt und Hans Flatauer, die 1934 und 1939 nach Palästina und England emigrierten, während Raphael Flatauer, dessen Bruder und Geschäftspartner Siegfried sowie Frau Alma 1943 in Auschwitz ermordet wurden. Unter anderem durch diese beispielhaft angerissenen Biographien ist belegt, dass es vor der Ausgrenzung aus den Vereinen auch im Osnabrücker Sport und Fußball jüdische Mitglieder gegeben hat.
Zu keiner Zeit gelang es jedoch den Sportvereinen, ernsthaften Widerstand gegen die nationalistische und rassenideologische Weltanschauung zu initiieren, wenn überhaupt, dann höchstens im privaten Rahmen. Die Sportkameradschaft, deren Werte auch damals so häufig beschworen wurden, galt eben nicht mehr für jedermann. Und dennoch hält sich bis heute hält sich das Narrativ vom „unpolitischen Sport“ in der NS-Zeit, obwohl die Geschichte bewiesen hat, dass Sport und Fußball immer Teil ihrer politischen Umgebung sind. Gerade deshalb müssen sie sich gegen demokratiefeindliche Einflüsse positionieren. Fußball hat die Reichweite und Verantwortung, demokratische Werte zu verteidigen. Und genau das ist der Grund, warum wir als VfL-Gemeinschaft uns eben NICHT „nur um Fußball kümmern.“
Die Worte des Shoah-Überlebenden Walter Frankenstein erinnern uns: „Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden, besonders in der jetzigen Zeit.“ In Erinnerung an Felix Löwenstein, die Familien Flatauer und Nussbaum und alle Menschen, die im Namen des Sports Unrecht, Verfolgung und Tod erleiden mussten, positioniert sich der VfL Osnabrück zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz geschlossen und eindeutig, denn:
Nie wieder ist jetzt!
Bündnis Tradition lebt von Erinnerung
