Acht Tore sind nicht die Regel in einem an sich bedeutungslosen Spiel. Die 4.000 Zuschauer, die an einem Mittwochabend im Juni 1987 an die Essener Hafenstraße gekommen waren, freuten sich umso mehr, dass ihnen für ihr Eintrittsgeld eine Menge geboten wurde. Nur der Sieger gefiel den meisten nicht…
Auch 1986/87 stand der Aufstieg in die Fußball-Bundesliga ganz oben auf der Wunschliste von Hartwig Piepenbrock und die Lila-Weißen kamen dem Lebenstraum ihres Präsidenten so nah wie selten zuvor. Nach der Hinrunde waren sie der aussichtsreichste Verfolger des weit enteilten Zweitliga-Spitzenreiters Hannover 96 – Darmstadt und Aachen rangierten mit einem Punkt Abstand zu den Lila-Weißen auf den Plätzen 3 und 4.
Doch das neue Jahr begann mit zwei deftigen Niederlagen beim 1.FC Saarbrücken (1:4) und bei den Stuttgarter Kickers (0:4). Das Team von Rolf Grünther bekam Schlagseite und taumelte auf den Tiefpunkt der Saison zu, der am 22. Mai 1987 mit einer 1:5-Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld erreicht wurde. Der Aufstieg war passé, die Saison gelaufen, aber der VfL drehte plötzlich noch einmal auf. Von den letzten vier Partien verloren Günthers Schützlinge keine einzige mehr. Dreimal gingen sie als Sieger vom Platz und erzielten insgesamt 15 Tore – also knapp vier pro Spiel.
Beim Auftritt an der Hafenstraße lagen sie sogar über dem Schnitt, obwohl zunächst alles nach einem Debakel aussah. Es waren gerade vier Minuten gespielt, da stand es bereits 2:0 für die Gastgeber. Dirk Helmig und der Günter Pröpper-Neffe Michael Pröpper hatten zwei dicke Schnitzer in der Osnabrücker Abwehr genutzt. Als Heikko Glöde nach einer Viertelstunde der Anschlusstreffer gelang, dauerte es nur zwei Minuten bis zum nächsten Treffer der Rot-Weissen durch Detlef Laibach.
Der starke Aufsteiger, der seinerzeit von Horst Hrubesch trainiert wurde, schien das Spiel im Griff zu haben, zumal die Osnabrücker eine ganze Reihe hochkarätigster Chancen vergaben. Heikko Glöde und Uwe Jursch zielten am praktisch leeren Tor vorbei – was sollte da aus Sicht der Gastgeber noch schiefgehen?
Einiges, denn beide hatten ihre Treffersicherheit nach der Pause wiedergefunden. In der 46. Minute gelang den Lila-Weißen der erneute Anschlusstreffer, für den unterschiedliche Quellen Heikko Glöde oder Ulf Metschies verantwortlich machen. Dann sorgte Jursch für den Ausgleich (55.), ehe Glöde seine überragende Leistung mit dem Führungstreffer für den VfL belohnte (70.). Fünf Minuten vor dem Abpfiff trug sich auch noch Paul Linz in die Torschützenliste ein.
Mit dem spektakulären 5:3-Sieg kletterten die Lila-Weißen auf Rang 6, den sie am letzten Spieltag mit einem 6:3-Heimerfolg gegen Union Solingen verteidigten. Es war die beste Platzierung, die der VfL in der 2. Bundesliga erreichte.
Text: Thorsten Stegemann
Bild: Horst Hrubesch spielte selbst in den 1970er Jahren für Rot-Weiss Essen. 1986/87 war er Trainer von RWE © IMAGO / Rust
