Im vergangenen Jahr stellte Julian Füllgraf, Para-Schwimmer im VfL Osnabrück/Team BEB im Para-Schwimmen, Deutsche Rekorde über 400, 800 und 1500 Meter Freistil auf und wurde damit dreifacher Deutscher Meister in seiner Startklasse. Nun ist er bei der Wahl zum Behindertensportler des Jahres 2026 nominiert. Wir haben mit ihm gesprochen.
Julian, du bist für die Wahl zum Behindertensportler des Jahres 2026 nominiert – was bedeutet dir diese Nominierung persönlich?
Sehr viel. Wenn man sich vorstellt, dass ich aus ganz Niedersachsen einer von sechs Personen bin, die dafür vorgeschlagen wurden, dann ist das schon eine große Ehre. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Leistungen so einen Einfluss darauf hatten.
Wie bist du zum Para-Schwimmen gekommen und was hat dich von Anfang an daran begeistert?
In der 5. Klasse habe ich bei der TSG 07 Burg Gretesch angefangen zu trainieren. Meine damalige Trainerin Jutta Stockmann hat mir dann erzählt, dass es auch Para-Schwimmen gibt, und mich zu meinen ersten Wettkämpfen dort angemeldet und begleitet. Was mich damals so begeistert hat, weiß ich heute nicht mehr genau. Aber beim Para-Schwimmen herrscht einfach eine ganz andere Atmosphäre. Es geht viel familiärer zu. Man kennt sich, ist teilweise miteinander befreundet. Und ja, man ist auch Konkurrenz. Aber alle dort haben ihre „Päckchen“ zu tragen, wir wissen einfach, wie hart die Erfolge der anderen erkämpft sind. Und darüber freut man sich ganz anders.
Als ich mit Jutta und meiner Mutter das erste Mal zur IDM nach Berlin in die SSE gefahren bin, war ich elf Jahre alt. Ich habe mich damals nicht getraut, ins Wasser zu gehen, und wir waren kurz davor abzureisen. Die Trainerin eines anderen Para-Vereins hat das mitbekommen und obwohl uns niemand kannte, hat sie zusammen mit anderen in der Halle lange mit mir geredet. Sie hatte Erfahrung damit, wie sich Menschen wie ich in solchen Situationen fühlen können. Am Ende konnte ich dank ihrer Hilfe doch starten. Das ist Para-Sport. Jeder hilft jedem, das steht im Vordergrund.
Was macht für dich den Reiz am Schwimmen aus, auch nach vielen intensiven Trainingsjahren? Erst einmal ist Schwimmen etwas, das ich gut kann. Und dann gibt es diesen kleinen Kick nach jeder Trainingseinheit und erst recht nach Wettkämpfen. Das zu erleben ist einfach toll. Dann weiß man, dass sich all die Arbeit gelohnt hat, wenn man wieder eine neue Bestzeit geschafft hat.
Du startest für den VfL Osnabrück – was verbindest du mit dem Verein?
Ehrlich? Bis zu meinem Wechsel vor drei Jahren kannte ich den Verein gar nicht, weil ich mich überhaupt nicht für Fußball interessiert habe. Jetzt trage ich aber auch mit Stolz Lila-Weiß.
Inwiefern unterstützt dich der VfL Osnabrück auf deinem sportlichen Weg?
Sie geben mir tolle Trainingsbedingungen und eine super Trainerin. Ohne Janina Braun wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Auch wenn sie mich manchmal wirklich an und über meine Grenzen bringt – aber das gehört ja wohl zum Leistungssport dazu. Der Para-Sport war ja auch neu für Janina und bedeutet einen ziemlichen Mehraufwand für sie. Ich brauche andere Trainingspläne, Trainingsbegleitung und Ähnliches.

Para-Sport ist Leistungssport: Was sind für dich die größten Herausforderungen im Alltag eines Athleten?
Sport, Arbeit und Freizeit organisiert zu bekommen. Zum Glück habe ich mit der Stadt Melle einen tollen Arbeitgeber gefunden, der mich unterstützt und mir die Möglichkeit gibt, meine Arbeitszeiten an mein Training sowie an Trainingslager und Wettkämpfe anzupassen. Aber Zeit für Privates oder gar eine Freundin bleibt da überhaupt nicht. Denn Para-Sport unterscheidet sich null vom normalen Leistungssport: Man trainiert genauso viel. Aber man muss sich viel mehr erklären, weil die Leute denken, es sei „nur“ ein Hobby.
Gab es einen Wettkampf oder Moment, der dich besonders geprägt hat?
Remscheid. Die DKM, als sie damals noch dort ausgetragen wurde. Das war ein toller Wettkampf – von der Atmosphäre und vom Wasser her. Dort bin ich immer Bestzeiten geschwommen, wurde für den Kader gesichtet und das erste Mal nominiert.
Was motiviert dich an Tagen, an denen Training und Kopf schwerfallen?
Zuerst helfen mir meine Eltern, die mich auch an solchen Tagen motivieren. Und dann denke ich mir: Ich will nach Los Angeles. Und da kann ich nur hin, wenn ich heute auch trainiere. Und dann geht es eigentlich.
Welche sportlichen Ziele hast du dir für die nächste Zeit gesetzt?
Ich möchte es bis zur IDM im Mai schaffen, die 200 Freistil unter 2:02 Minuten zu schwimmen. Denn falls es in diesem Jahr eine EM geben sollte, ist das meine Quali-Zeit.
Außerdem schwimme ich im Mai noch die World Series in Berlin. Dort über 200 oder 400 Meter Freistil ins A-Finale zu kommen, ist ebenfalls mein Ziel. Eine internationale Medaille wäre top.
Was möchtest du jungen Menschen mit Behinderung mit auf den Weg geben, die überlegen, mit Sport zu beginnen?
Einfach machen. Klar, die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Der Verein, die Trainerinnen und Trainer, die Teamkameraden – all das spielt eine große Rolle. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man offen über seine Besonderheiten und Bedürfnisse spricht, gibt es immer Lösungen. Außerdem gibt es überall Sport-Schnuppertage für Menschen mit Behinderung, zum Beispiel auch beim BSN. Fahrt dort hin, schaut es euch an – worauf habt ihr Lust? Und dann, wie gesagt: einfach machen.
Abstimmung zum Behindertensportler des Jahres 2026
Julian Füllgraf wurde für die Wahl zum Behindertensportler des Jahres 2026 nominiert. Der VfL Osnabrück freut sich über diese Nominierung. Stimmen können online auf der Website des Behinderten-Sportverband Niedersachsen abgegeben werden.
