Hinter dem VfL Osnabrück liegt eine Auswärtsfahrt, die alle Beteiligten wahrscheinlich so schnell nicht mehr vergessen werden. Nach dem Aufstieg aus dem Bus folgte ein Sonntag, an dem man in der Kabine Meister wurde und einen Last-Minute-Sieg gegen den SV Wehen Wiesbaden holte. Einen Verlauf, den man wohl nicht besser hätte schreiben können.
Nachdem die Lila-Weißen bereits als Aufsteiger am Sonntagmorgen im Mannschaftshotel aufwachten und dort am Samstagabend schon ausgiebig gefeiert hatten, ging die Party auch in der BRITA-Arena weiter. Schließlich schaute man gebannt auf die Partie in Duisburg, wo die „Zebras“ auf den Aufstiegskonkurrenten Energie Cottbus trafen. Um 15:27 Uhr brach dann der Jubel in der Osnabrücker Kabine aus, als die Duisburger die Cottbuser mit 2:1 schlugen und dem VfL auch die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen war. Mit dem dritten Drittligatitel ist der VfL Osnabrück nun Rekordmeister des Wettbewerbs. Als die komplette Mannschaft und das Trainerteam anschließend zum Warmmachen auf den Platz gingen, wurden sie vom bereits gut gefüllten Auswärtsblock, der am Sonntag im Grunde das halbe Stadion einnahm, lautstark mit Sprechchören begrüßt.
Und trotz der Tatsache, dass es für die Osnabrücker im Spiel gegen die Wiesbadener um nichts mehr ging, zeigte sich die Mannschaft von Timo Schultz von Beginn an engagiert. Zwar hatte man in der ersten Halbzeit die eine oder andere Torchance, konnte diese aber nicht nutzen. Stattdessen war Tarik Gözüsirin nach 32 Minuten aus der Distanz erfolgreich. Wobei der Schuss des 24-Jährigen keinesfalls unhaltbar war, worauf auch Geschäftsführer Dr. Michael Welling in der Halbzeitpause bei MagentaSport scherzhaft hinwies: „Schöner Schuss, aber ich würde sagen: Nüchtern hätte er den gehalten.“
Trotz des Rückstands war die Stimmung bei den über 5.000 mitgereisten VfL-Anhängern ausgelassen. So wurden zwischenzeitlich vom Gästeblock aufgrund des fehlenden lila-weißen Torerfolgs einfach selbst imaginäre Torjubel zelebriert. Zur richtigen Ekstase führte dann jedoch der Treffer von Ismail Badjie, der vor dem Gästeblock die Flanke von Robin Meißner per Kopf einnickte und so sein bereits neuntes Saisontor erzielte. Für den 20-Jährigen ist es der erste Aufstieg und Titel mit dem VfL. Dementsprechend sprachlos zeigte er sich nach der Partie im Interview bei VfL-TV: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Es ist unglaublich.“
Wenig später in der Partie wollte sich Badjie dann eigentlich bei Robin Meißner für dessen Torvorlage revanchieren. Sein Flachpass konnte der Toptorschütze des VfL jedoch nicht verwerten und scheiterte an der Fußabwehr von Torwart Florian Stritzel. Mit insgesamt sieben Torschüssen wies Meißner am Sonntag die meisten im Spiel auf. Keiner seiner Versuche sollte am Ende jedoch die Torlinie überqueren. Stattdessen flog der Ball zu Bjarke Jacobsen, der einen sehenswerten Doppelpass mit Kai Pröger spielte und das Spielgerät dann eigentlich erneut auf den in der Mitte abschlussbereiten Meißner bringen wollte. SVWW-Innenverteidiger Jordy Gillekens hatte jedoch etwas dagegen, warf seinen Fuß dazwischen und fälschte den Ball somit unhaltbar ins rechte obere Eck ab. Daraufhin setzte Jacobsen zum Jubelsprint über das halbe Feld an den Auswechselbänken vorbei an. „Das waren pure Emotionen. Ich konnte mich nicht mehr kontrollieren. Ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe, aber ich war so glücklich“, erläuterte der Däne nach der Partie bei VfL-TV.
Im Spiel gegen seinen Ex-Verein musste der 32-Jährige jedoch in der Schlussphase noch einen weiteren Gegentreffer hinnehmen. Nachdem Nikolas Agrafiotis im Osnabrücker Strafraum zunächst eine Bogenlampe schlug, gewann der gebürtige Niederländer den zweiten Ball, setzte sich im Zweikampf gegen Niklas Wiemann durch und drosch die Kugel in den Kasten von Lukas Jonsson. Aber es hätte eben nicht zu dieser Osnabrücker Mannschaft gepasst, wenn man diesen Ausgleich auf sich sitzen gelassen hätte. Stattdessen warfen die Lila-Weißen auch in der vierminütigen Nachspielzeit noch einmal alles nach vorne.
Und am Ende war man mal wieder nach einer Standardsituation erfolgreich. Nach dem Eckball von Kai Pröger fing der eingewechselte Bernd Riesselmann den Ball am zweiten Pfosten ab und passte diesen wuchtig zurück in den Fünfmeterraum. Dort stand kein Geringerer als Routinier Robert Tesche, der seinen Fuß hinhielt, den Sieg sicherte und sich selbst als ältesten Torschützen in der Geschichte des VfL Osnabrück in die Geschichtsbücher einschrieb. „Ich glaube, das spricht für uns als Mannschaft, dass wir nach dem Rückstand zurückkommen. […] Dann haben wir die pure Erfahrung mit Robert Tesche auf dem Platz, der das Ding reinschiebt. Wenn er nicht da ist, bin ich hinter ihm und drücke ihn rein. Es freut mich aber einfach extrem. Wir sind jetzt hier mit über 5.000 Osnabrückern am Feiern. […] Ich glaube, es wird spät“, erklärte Niklas Wiemann den Torerfolg nach der Partie.
Wenige Sekunden später pfiff Schiedsrichter Ben Uhrig die Partie dann ab, und der Jubel der Osnabrücker hielt keine Tore oder Polizeiketten mehr auf. Der Spielverlauf gegen Wehen Wiesbaden unterstrich einmal mehr die Leistung und den Charakter einer Mannschaft, die bereits jetzt Rekorde geknackt und Geschichte geschrieben hat. Das weiß auch Niklas Wiemann selbst: „Es macht einfach Spaß, gerade in der Rückrunde. Wir haben sieben Punkte liegen gelassen. Das ist unglaublich. Wir haben einen 2,6er-Schnitt. Einfach unfassbar. Was gibt es Schöneres?“
Schöneres und Besseres gab es vom VfL in einer Rückrunde tatsächlich noch nicht. Denn mit nun 44 eingefahrenen Punkten hat der VfL den vereinseigenen Rückrundenrekord bereits geknackt. Den hielt bis dahin die Aufstiegsmannschaft der Saison 2022/23, als man unter Trainer Tobias Schweinsteiger 42 Punkte holte. Und auch der ligaweite Rekord liegt in greifbarer Nähe. Den teilen sich bislang der Karlsruher SC (Saison 2012/13) und der 1. FC Heidenheim (Saison 2013/14), die jeweils 45 Zähler in der Rückserie einfahren konnten. Direktor Fußball Joe Enochs hatte dabei schon von Anfang an Vertrauen in die Mannschaft, hätte sich eine solche Entwicklung am Ende aber nicht erträumen können, wie er am Sonntag bei MagentaSport verriet: „Ich habe irgendwann ganz früh zu Timo gesagt, dass ich glaube, dass wir die beste Mannschaft haben. Aber dass wir so eine Rückserie spielen, hätte man nicht wissen können.“ Und auch Erfolgstrainer Timo Schultz zeigte sich auf der Pressekonferenz nach der Partie überglücklich über die Saisonleistung seiner Mannschaft: „Es ist schon krass, hier am drittletzten Spieltag zu sitzen und du bist nicht nur aufgestiegen, sondern auch Meister. Das hätten wir uns alle vor der Saison natürlich so nicht erträumt, aber wir nehmen es.“

Der 48-Jährige steuert dabei selbst auf einen individuellen Rekordwert zu. Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2025 holte Schultz in bislang 37 Pflichtspielen einen Punkteschnitt von 2,05. Den bisherigen Bestwert unter VfL-Trainern, die eine gesamte Spielzeit im Amt waren, hält Gerd-Volker Schock, der in der Saison 1998/99 einen Punkteschnitt von 2,09 aufwies. Solch ein Rekord wird Timo Schultz zwar sicherlich egal sein, dennoch wird er seine Mannschaft auch auf den kommenden Brückentag gegen den bereits abgestiegenen SSV Ulm bestmöglich vorbereiten (Anpfiff: 14:00 Uhr). Und auch bei VfL-Kapitän Jannik Müller war die Vorfreude nach dem Auswärtsspiel in Wiesbaden auf das letzte Heimspiel der Saison riesig: „Die Vorfreude ist groß, gerade nach dem, was wir hier erlebt haben. Richtig geil auch für die Fans und wie sie uns unterstützt haben und auf den Platz gekommen sind. Es herrscht einfach nur pure Vorfreude auf die nächsten Tage und vor allem dann auf Samstag.“
Dann wird der 32-Jährige nämlich auch den Pokal in die Lüfte heben dürfen. Denn nach dem Abpfiff werden Peter Frymuth, DFB-Vizepräsident für Spielbetrieb und Fußballentwicklung, sowie Tom Eilers, Vorsitzender des Ausschusses 3. Liga, die Meisterehrung vornehmen und dem VfL Osnabrück zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte den Meisterpokal überreichen. Die Feiertage in Osnabrück werden also so schnell erstmal nicht enden.
Text: Jendrik Greiwe
Fotos: Jonas Jürgens, Fabian Frommeyer & Marc Niemeyer


















