Es war einer der katastrophalsten Saisonstarts in der Geschichte des VfL: Nach dem sensationellen Relegationssieg gegen Union Berlin holten die Lila-Weißen aus den ersten sechs Zweitligaspielen der Saison 2000/01 nur einen einzigen Punkt. Hinzu kam das Aus im DFB-Pokal gegen Ligakonkurrent Hannover 96. Vor dem Heimspiel gegen den SSV Ulm musste Cheftrainer Michael Lorkowski seinen Platz räumen. An seiner Stelle übernahm VfL-Urgestein Lothar Gans das Ruder und landete endlich den ersehnten Befreiungsschlag.
Die Kritik an dem vielleicht allzu leger wirkenden Übungsleiter schaukelte sich über Wochen hoch und tatsächlich hatte „Lorko“ taktische Fehlentscheidungen zu verantworten und wohl auch nicht in jedem Fall die richtige Ansprache gefunden. Sein Einwand, dass die Trainer immer häufiger zu Sündenböcken würden, während es den Spielern an Selbstkritik fehle, war freilich auch nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wenig wie der Umstand, dass nicht alle Akteure seiner Mannschaft in der 2. Liga konkurrenzfähig waren. Das galt offenkundig auch für einige der im Sommer geholten Neuzugänge, von denen gleich vier Osnabrück noch im selben Jahr wieder verließen.
Manager Lothar Gans sah sich hier sicher auch in der einen oder anderen Hoffnung getäuscht. Als Interimstrainer legte er gleichwohl auf Anhieb die richtigen Hebel um. Die Startelfrückkehrer Sven Teichmann und Wolfgang Schütte erwiesen sich als echte Verstärkungen, vor allem aber beendete die klare Aufgabenverteilung im Vierermittelfeld und im neu formierten Angriffstrio Thioune-Janiak-Claaßen viele Missverständnisse und Zuordnungsprobleme.
Das Heimspiel gegen den Bundesliga-Absteiger aus Ulm, das nur noch 10.000 Zuschauer sehen wollten, stand aber auch unter einem glücklichen Stern, weil den Lila-Weißen der berühmte Start nach Maß gelang, der die Euphorie rund um die Bremer Brücke wieder anfachte. Es waren gerade acht Minuten gespielt, als Christian Claaßen das Leder nach einem Eckball von Antoine Hey in die Maschen köpfte. Nur drei Minuten später landete ein Freistoß von Lard Schiersand am Innenpfosten. Daniel Thioune reagierte am schnellsten, sein Abstauber brachte den VfL mit 2:0 in Front.
In der Folgezeit verdienten sich die Lila-Weißen die frühe Führung mit einer starken kämpferischen und spielerisch überzeugenden Mannschaftsleistung. Ein Quäntchen Glück war allerdings auch dabei, denn Ulms Oliver Otto gelang der Anschlusstreffer erst in der letzten Minute – als es praktisch schon zu spät war. „Endlich war das Glück mal auf unserer Seite. Irgendwann musste der Fußballgott zu uns zurückkommen“, befand Lothar Gans nach Spielende, ohne verhindern zu können, dass die meisten Fans und Verantwortlichen ihn ganz persönlich für die ersehnte Wende verantwortlich machten und gern als Dauerlösung auf der Trainerbank gesehen hätten. Doch der Manager hatte eine bessere Idee und gab seinen Zweitjob im Dezember an Jürgen Gelsdorf ab. Mit dem ehemaligen Bundesligatrainer spielte der VfL eine phänomenale Rückrunde und sammelte 27 Punkte – nur fünf Zweitligavereine hatten in diesem Zeitraum mehr zu bieten.
Trotzdem fehlten am Ende drei Zähler auf den ersten Nichtabstiegsplatz, den Mainz 05 mit Trainer Jürgen Klopp belegte. Den SSV Ulm traf es noch schlimmer. Ein Jahr nach dem Abstieg aus der Bundesliga verpassten die „Spatzen“ auch den Klassenerhalt in Liga 2. Der Verein bekam keine Lizenz für die Regionalliga, musste Insolvenz anmelden und zwei Jahre nach dem umjubelten Bundesligaaufstieg in der Verbandsliga Württemberg antreten.
Text: Thorsten Stegemann
Foto: Interimstrainer Lothar Gans, hier bei seinem ersten Auswärtsspiel in Oberhausen Mitte Oktober 2000 © IMAGO / Wienold
