1984/85 war dem VfL die direkte Rückkehr aus der Amateuroberliga Nord gelungen, ein Jahr später feierte das Team von Rolf Grünther den vergleichsweise ungefährdeten Klassenerhalt im Fußball-Unterhaus. Als die eingespielte Mannschaft anschließend zusammengehalten und mit Heikko Glöde (Hertha BSC Berlin) und Uwe Jursch (VfL Herzlake) passgenau verstärkt werden konnte, machte sich nicht nur in der ehrgeizigen Chefetage der Lila-Weißen der Gedanke breit, dass in der kommenden Saison noch mehr drin sein könnte. War der VfL endlich reif für den größten Schritt der Vereinsgeschichte? Am 18. Juli 1986, eine Woche vor dem 1. Spieltag, gab ein Test gegen Eintracht Frankfurt den hochfliegenden Plänen den nötigen Schwung.

Der Bundesligist sollte erst im August in die neue Saison starten, Chefcoach Dietrich Weise setzte an der Bremer Brücke aber keineswegs auf den „zweiten Anzug“, auch wenn er auf einige verletzte Spieler und – nach der WM in Mexiko – auf den noch im Urlaub weilenden Vizeweltmeister Thomas Berthold verzichten musste. Neben Stammkeeper Hans-Jürgen Gundelach kam Clublegende Karl-Heinz „Charly“ Körbel ebenso zum Einsatz wie der Urfrankfurter Abwehrstratege Armin Kraaz, der Nationalspieler und spätere UEFA-Cup-Sieger Ralf Falkenmayer, der junge Andy Möller oder der australische Globetrotter David Mitchell. Mit von der Partie war auch Włodzimierz Smolarek. Der 60-fache polnische Nationalspieler, der bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien mit seinem Team den dritten Platz belegt hatte, war gerade von Widzew Lodz an den Main gewechselt.

Osnabrücks Cheftrainer Rolf Grünther musste einige Rekonvaleszenten schonen, war aber fest entschlossen, die Zügel in diesem Test locker zu lassen: „Die Jungs sollen frei von der Leber weg spielen, ruhig etwas riskieren, keine Scheu vor großen Namen haben und selbstbewusst auftrumpfen.“ Gesagt, getan, doch nach acht Minuten zappelte der Ball zunächst im eigenen Netz. Der polnische Dribbelkünstler Włodzimierz Smolarek erzielte sein erstes Tor für die Eintracht. Osnabrücks Neuzugang Heikko Glöde ließ sich allerdings nicht lange bitten und sorgte nur fünf Minuten später mit einem sehenswerten Volleyschuss für den verdienten Ausgleich. Die Kontrahenten lieferten sich in der Folge einen höchst unterhaltsamen Schlagabtausch, doch in Durchgang 2 konnten die Hessen, die sich noch im Aufbautraining befanden, nicht mehr mithalten.

Die Lila-Weißen legten dagegen weiter den Vorwärtsgang ein und entschieden die Partie dann innerhalb weniger Minuten. Dabei zeigte Spielmacher Paul Linz einen seiner großen Auftritte im Dress der Lila-Weißen. Nach einer Stunde markierte er das 2:1, fünf Minuten später traf der 30-Jährige per Foulelfmeter und in der 68. Minute visierte er aus 16 Metern den Winkel des Frankfurter Gehäuses an. Wäre David Mitchell nicht zwischendurch der zweite Gästetreffer gelungen, hätte man Linz einen lupenreinen Hattrick zuschreiben können. Doch der Auftritt der Lila-Weißen sorgte auch so für reichlich Aufsehen, zumal Stefan Holze und Andreas Helmer das Runde schließlich auch noch im Eckigen versenkten. 6:2 hieß es am Ende für eine Mannschaft, die ihre Ambitionen dick zu unterstreichen schien.

Es folgte eine unglückliche 1:2-Niederlage in Hannover und dann spielte sich der VfL tatsächlich in die Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Nach dem 10. Spieltag rangierten Grünthers Schützlinge auf Platz 2 – direkt hinter dem Spitzenreiter und späteren Aufsteiger Hannover 96. Im Verlauf der Monate geriet aber immer mehr Sand ins Getriebe und der Aufstieg zunehmend außer Reichweite. Nach 38 Spieltagen stand schließlich Rang 6 zu Buche – immerhin die beste Platzierung, die der VfL jemals im eingleisigen Fußball-Unterhaus erreichen konnte. Für Frankfurt ging es 1986/87 am Ende nur um den Klassenerhalt. Die Hessen konnten sich schließlich den 15. Platz sichern und die Relegation dem FC Homburg überlassen.


Text: Thorsten Stegemann
Foto: Protagonisten einer starken Saison: Neale Marmon (l.) und Paul Linz (r.) nach dem 1:0-Sieg am Millerntor im August 1986 © IMAGO / Claus Bergmann