Bis 1963 entschied eine Endrunde über den Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft. Im Finale trafen deshalb nicht immer die beiden besten Mannschaften aufeinander, doch 1951 könnte es tatsächlich so gewesen. Auf der einen Seite stand der 1. FC Kaiserslautern, der drei Jahre später fast die Hälfte der „Helden von Bern“ stellen sollte – auf der anderen der SC Preußen Münster, der sich anschickte, dank einer spektakulär besetzten Angriffsreihe die beste Mannschaft Deutschlands zu werden.

Fünf Jahre nach dem Krieg durften auch die Münsteraner ihren Spielern nicht mehr zahlen als die vom Verband erlaubten 320 DM Monatsgehalt und eine Zulage von 10 DM pro Partie. Doch der findige Preußen-Obmann Josef Oevermann, der seine Brötchen als Bauunternehmer verdiente, hatte ganz andere Möglichkeiten, um einige der besten deutschen Fußballer an die Hammer Straße zu lotsen. Mit Hilfe befreundeter Geschäftsleute vermittelte er Arbeits- und Ausbildungsplätze, mietfreie Wohnungen nebst Einrichtung, kostenlose Einkäufe und allerlei Freizeitangebote. Die Offensivstrategen Jupp Lammers, Siegfried Rachuba und Rudolf Schulz entdeckten so ihr Herz fürs Westfälische und 1950 kamen auch noch Adi Preißler und Top-Stürmer Felix „Fiffi“ Gerritzen dazu. Dem Dortmunder hatte Oevermann ein üppiges Handgeld und eine Tankstelle in Aussicht gestellt, dem Oldenburger eine Beschäftigung als Chef-Chauffeur bei einer Versicherung.

Der „100.000 Mark-Sturm“

Die Geschichte vom „100.000 Mark-Sturm“ scheuchte DFB und Medien auf, die nach eingehender Recherche allerdings feststellten, dass die damals sagenhafte Summe doch eher den Wert der Preußen-Offensive beschreiben sollte. In barer Münze sollen die neuen Stars keine 30.000 DM gekostet haben und Gerritzen erzählte später, die Spieler hätten nach dem Training eine Flasche Milch und ein Würstchen mit Kartoffelsalat für 1,90 DM bekommen, die auf das Gehalt angerechnet worden seien, „bis wir dagegen auf die Barrikaden gingen.“

Dass sich die Investition, wie hoch sie auch immer gewesen sein mag, umgehend auszahlte, ist dagegen unbestritten. Münster wurde 1950/51 hinter Schalke 04 zwar nur Zweiter der Oberliga West, 44 der 58 Preußen-Tore gingen aber auf das Konto der fünf Hoffnungsträger. Sie hatten damit einen entscheidenden Anteil an der Qualifikation für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, in der Münster zu großer Form auflief. Das Team von Willy Multhaup gewann zuhause gegen den Hamburger SV und den 1. FC Nürnberg und deklassierte Tennis Borussia Berlin im Olympiastadion mit 8:2. Die Franken, die das Endspiel wegen der schlechteren Torquote verpassten, vermuteten Unredliches, zogen ihren Einspruch aber später „mit sportlichem Bedauern“ zurück.

Rote Teufel und künftige Weltmeister

In der Oberliga Südwest ging derweil nichts ohne den 1. FC Kaiserlautern – von Kriegsende bis zur Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 feierten die roten Teufel elf Staffel-Meisterschaften. Auch 1950/51 waren die Schützlinge von Richard Schneider das Maß aller Dinge und zogen mit deutlichem Vorsprung auf Wormatia Worms in die Endrunde um den nationalen Titel ein. Die spielstarke Spitzenmannschaft um die Walter-Brüder Fritz und Ottmar, Werner Liebrich, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer ließ sich auch hier nicht beirren und gab nur beim 2:2 gegen die SpVgg Fürth und beim knappen 2:3 auf Schalke Punkte ab.

Am 30. Juni 1951 kam es dann zum Showdown. 85.000 Fans pilgerten ins Berliner Olympiastadion, wo sich tatsächlich die fünf Mitglieder des 100.000 Mark-Sturms und die fünf späteren Helden von Bern gegenüberstanden. Dabei war der Einsatz von Ottmar Walter bis zuletzt zweifelhaft. Der Torjäger laborierte an einem eingeklemmten Nerv und das Reglement des Jahres 1951 erlaubte noch keine Auswechslungen. Walter selbst zeigte vor Spielbeginn jedoch weder Angst vor Schmerzen noch vor dem Angriff des Gegners. „Wir sind auch gut drauf, wir werden auch stürmen, wir fühlen uns auch schussstark. Ich habe das Gefühl, dass ich gegen die Preußen zwei Tore mache“, ließ er in einem Interview verlauten.

Tatsächlich traf in der ersten Halbzeit keiner der Kontrahenten und direkt nach der Pause war es „Fiffi“ Gerritzen, der die Preußen-Adler mit einem satten Schuss in Führung brachte. Doch nach einer Stunde nutzte Ottmar Walter eine Vorlage seines Bruders zum Ausgleich und markierte eine Viertelstunde später – diesmal nach einem Eckball von Fritz – auch das 2:1 für die roten Teufel. Ganz Kaiserslautern feierte anschließend den ersten Meistertitel des FCK, dem 1953, 1991 und 1998 noch drei weitere folgen sollten.

Preußen Münster konnte den Erfolg dieses Jahres dagegen nicht wiederholen. Der „100.000 Mark-Sturm“ zerfiel, als Adi Preißler nach Dortmund zurückkehrte und mit den Borussen 1956 und 57 Deutscher Meister wurde. 1963 spielten die Adler aber noch einmal im Konzert der Großen mit – als Gründungsmitglied der neu eingeführten Bundesliga.


Text: Thorsten Stegemann

Foto: Begrüßung des Deutschen Fußballmeisters 1951 in Kaiserslautern, Stadtarchiv Kaiserslautern, Urheber: Peter Turgetto, CC BY-SA 4.0